»Das Netz ist kein sicherer Ort für Frauen.«

Autor:in: Jana Gioia Baurmann

Bild: Andrea Heinsohn Photography

»Das Netz ist kein sicherer Ort für Frauen.«

Menschen, die online Hass und Hetze erleben, die beleidigt, verleumdet oder bedroht werden, können sich an HateAid wenden – eine Organisation, die es seit 2018 gibt. Seit März 2021 ist Gründungsgeschäftsführerin Anna-Lena von Hodenberg Ashoka-Fellow. Ein Gespräch über erträumte Freiheiten, notwendige Regulierungen und weshalb wir das Internet zu lange sich selbst überlassen haben.

Ashoka: Mit dem Internet kam die Vision, dass es einen Ort gibt, an dem alle gleich sind. Woran liegt es deiner Meinung nach, dass die Vision bislang eine Utopie geblieben ist?

Anna-Lena: Der Traum war ja, dass alle gleich sind – und alle eine Stimme haben. Und ja, das ist nur zum Teil so gekommen. Es gibt durchaus Gruppen, die in sozialen Netzwerken nun mehr zu hören sind als andere. Allerdings bewegen wir uns – sind wir auf Seiten wie Facebook, Twitter oder Instagram unterwegs – auf Plattformen von Wirtschaftsunternehmen, die wiederum ein ganz bestimmtes Interesse haben: Wir Nutzer:innen sollen so lange wie möglich auf den jeweiligen Plattformen bleiben. Weil die Unternehmen hinter den Plattformen erst dann Geld verdienen. Und damit wir möglichst lange dort verharren, werden uns bestimmte Inhalte angezeigt. Und bestimmte Inhalte erzeugen eine bestimmte Wirkung.

Zum Beispiel?

Ein positives Beispiel sind Katzen- oder Babyvideos. Die findet man dann süß, liked sie, kommentiert. Ein negatives Beispielt: Hassrede. Inhalte, die uns wütend machen, die uns empören. Inhalte, auf die wir voyeuristisch schauen können und die dadurch unterhaltend wirken. Welche Inhalte wir sehen, bestimmen Algorithmen. Was die Vision einer gleichen Stimme für alle angeht, gibt es also ein ziemliches Ungleichgewicht.

Hast du selbst Erfahrungen mit Hassrede oder warum hast du dich dem Thema angenommen?

Einer unser Mitgründer, Gerald Hensel, machte 2016 mit #KeinGeldFürRechts darauf aufmerksam, dass Firmen Werbebanner auch auf rechten Webseiten und unseriösen Medienseiten kaufen. Daraufhin widerfuhr ihm ein solcher Shitstorm, dass er seinen Job aufgeben und im Hotelzimmer übernachten musste, weil er und seine Familie bedroht wurden. Von Staatsanwaltschaft und Polizei wurde er so gut wie gar nicht betreut. Gerald stand völlig alleine da. Er gründete anschließend Fearless Democracy. Als wir mit HateAid starteten, fragte ich Gerald, ob er nicht mit an Bord kommen und seine Perspektive mit einbringen wolle. Wollte er.

Gerald ist ein weißer Mann, Akademiker, er kommt aus der Mittelschicht. Ein typisches Opfer?

Nein. Frauen bekommen im Netz überproportional mehr Hass ab als weiße, heterosexuelle Männer. Ich betone das so, weil die Situation für Männer, die homosexuell, schwarz oder LGBTQ+ sind, eine völlig andere ist. Weiße Männer bekommen in der Regel keine Vergewaltigungsdrohungen – homosexuelle Männer schon. Bei uns in der Beratung ist das Verhältnis 40% Männer zu 60% Frauen. Allerdings sind 83% der Hass-Kommentare, die wir uns anschauen, gegen Frauen. Das heißt, Frauen bekommen mehr ab – und die Inhalte sind heftiger.

Die FDP-Fraktion will Frauenrechte im digitalen Raum besser schützen und stärker bekämpfen. Dafür ist Anfang März ein Antrag beim Bundestag eingegangen. Siehst du die Politik da auf einem …

… (unterbricht die Frage) Ich sehe sie auf einem katastrophalen Weg. Ich freue mich, wenn ich so etwas lese – bitte nicht falsch verstehen. Ich finde es gut, dass sich da wer stark macht. Aber es sind die ersten zaghaften Bewegungen, die es in diesem Feld gibt. Wir reden da jetzt schon lange drüber, aber passiert ist bislang kaum etwas. Als die Bundesregierung im vergangenen Jahr das Gesetz zur Bekämpfung des Rechtsextremismus und der Hasskriminalität aufgesetzt hat, war darin die Rede von antisemitischen und rassistischem Hass. Es musste erst der Juristinnenbund kommen und darauf hinweisen, dass es auch frauenfeindlichen Hass gibt. Das ist tatsächlich ein riesiges Problem: Denn Frauen werden im Netz angegriffen, weil sie Frauen sind.

Prominentestes Beispiel ist die Politikerin Renate Künast, die online unter anderem als »Stück Scheiße« und »Geisteskranke« beschimpft wurde …

Und als »Drecksfotze« – und das ist eine sexualisierte Gewalt gegen eine Frau. Solche Bezeichnungen werden meist als Beleidigung eingestuft und nicht als Hasskriminalität. Aber es ist eben nicht nur eine Beleidigung! Renate Künast wurde auch wegen ihres Frauseins angegriffen. Strafverfolgungsbehörden und Gesetzgebung, Systeme, die männlich dominiert sind, erkennen das meist erstmal nicht. Oder nehmen es nicht so ernst. Die müssen erstmal sensibiliert werden. Wenn eine Frau zur Polizei geht und ein solches Vorkommnis anzeigen will, das aber nicht als Hasskriminalität dokumentiert wird, wird die Staatsanwaltschaft das anschließend auch nicht tun. Und dann wird das Verfahren eingestellt.

Eine Studie der Organisation Plan International kam im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis, dass 70% der befragten Mädchen und jungen Frauen in Deutschland Bedrohungen, Beleidigungen und Diskriminierungen in den sozialen Medien erleben. Die Folge: Viele von ihnen ziehen sich aus dem digitalen Raum zurück. Was bedeutet das?

Rechte und Räume, die Frauen sich in den vergangenen 100 Jahren im Analogen erkämpft haben, werden digital nun wieder in Frage gestellt. Wenn 70% der Befragten angeben, Bedrohungen, Beleidigungen und Diskriminierungen zu erfahren, dann ist das Netz kein sicherer Ort für Frauen. Das kann nicht sein! Um da noch mal zur Politik zurückzukommen: Die ersten Vorstöße sind ganz gut, aber wenn man sich die Zahlen anschaut, müsste es eine große Offensive geben.

HateAid berät und unterstützt Menschen, denen Gewalt im Netz widerfährt. Was sind das für Fälle?

Da ist zum Beispiel der Politiker, der rechtsextremistische Drohmails mit expliziten Morddrohungen erhält. In so einem Fall muss auch der Staatsschutz eingeschaltet werden. Wenn wir in solch einem Fall in Telegram-Gruppen screenen lassen, finden wir ganz klare Posts, in denen dazu aufgerufen wird, diesen Politiker digital anzugreifen. So sehr, dass man schon als Lesende Angst um den bekommt. Bei Walter Lübcke fing das auch so an. Ein anderes Beispiel ist eine Frau, die im Bereich Pornowissenschaften forscht und dazu auch an der Universität lehrt. Sie erlebt einen massiven Shitstorm, weil es Menschen gibt, die mit ihrer Arbeit nicht einverstanden sind. Morddrohungen erhält diese Wissenschaftlerin auch. Sie hat Angst, ihre Arbeit weiterzuführen, da die Adresse der Universität und ihre Vorlesungszeiten im Internet frei verfügbar sind.

Wie viele Klient:innen konntet ihr bislang unterstützen?

Mehr als 700 – in nicht einmal 2,5 Jahren.

Also jeden Tag ein neuer Fall …

Ja, und alle sind sehr betreuungsintensiv. Wer sich an uns wendet, hat in der Regel nicht nur eine Baustelle, sondern gleich mehrere. In einer Erstberatung stabilisieren wir den- oder diejenigen erst einmal emotional, erst dann schauen wir: Wo überall und wie wird die Person angegriffen? Wenn jemand akut ins Kreuzfeuer gerät, wissen wir: Sehr bald wird versucht werden, private Daten über die Person herauszubekommen. Wir machen einen Privatssphärencheck und sorgen beispielsweise dafür, dass Dinge bei Google verschwinden oder ganz gelöscht werden. Und wir helfen den Betroffenen natürlich auch rechtlich und – damit verbunden – finanziell.

Über die politische Seite haben wir bereits gesprochen. Was braucht es darüber hinaus, um Hassrede einzudämmen?

Plattformen wie Facebook und Twitter müssen von politischer Seite reguliert werden. Die Annahme, man dürfe im Internet nicht regulieren, weil es ein freier Raum sei, ist naiv. Wir unterwerfen uns da Wirtschaftsunternehmen, die bereits steuern: Wir können nicht frei bestimmen, was in unserem Feed erscheint. Kurz: Wir brauchen Nutzer:innenrechte auf diesen Plattformen. Und die Plattformen müssen bei der Identifikation von Täter:innen unterstützen. Das bedeutet nicht, dass ich bei Facebook anrufen kann und den Klarnamen irgendeiner Person bekomme. Sondern dass – wenn ein Gerichtsurteil vorliegt – es möglich sein muss zu erfahren, wer das ist. Auch gesellschaftlich müssen wir aktiv werden: Wir brauchen mehr Medienkompetenztraining. Nicht nur in Schulen, sondern auch für ältere Leute.

Welches Wissen fehlt da?

Zum Beispiel, wie man sichere Passwörter erstellt. Und: Obwohl es Facebook inzwischen seit 17 Jahren gibt und es Skandale wie Cambridge Analytica gab, haben viele Menschen noch immer nicht begriffen, dass soziale Medien zwar kostenlos sind, aber nicht umsonst. Wir bezahlen nur mit einer anderen Währung. Die Gesellschaft ist in wahnsinnig kurzer Zeit medienaffin geworden, medienkompetent sind wir aber noch immer nicht.

2013 bezeichnete Angela Merkel das Internet als »Neuland« – obwohl es zu jenem Zeitpunkt bereits 24 Jahre alt war. Haben wir das Internet zu lange sich selbst überlassen?

Ja. Wir müssen den digitalen Raum endlich als gleichwertigen Raum begreifen. Als Gesellschaft müssen wir entscheiden, wie wir in diesem Raum miteinander umgehen wollen. Wir müssen uns überlegen, was für Werte wir dort leben wollen, wie wir miteinander kommunizieren wollen, was legal ist und was nicht. Und was einfach nicht okay ist. Wenn du in der U-Bahn angeschrien wirst, ist das nicht illegal. Wenn die Person dich aber über längere Zeit anschreit, werden andere einschreiten und sagen: Das geht nicht! Hasnain Kazim hat mal gesagt, dass wir Moral und Anstand brauchen. Digitale Zivilcourage also.

Auf Twitter und Facebook konnte ich dich nicht finden. Eine bewusste Entscheidung?

Ich kommuniziere ausschließlich über HateAid, das bietet mir mehr Schutz. Als Frau und Geschäftsführerin einer solchen Organisation wäre ich die perfekte Zielscheibe für digitale Gewalt. HateAid ist auf den sozialen Plattformen zu finden, als Geschäftsführerin trete ich dort auch auf. Unser gesamtes Team handhabt das übrigens so.