Erfolg hat nicht
mit Noten zu tun

Illustration Steffi Biester

Autor*in: Julia Kloiber

Bild: Laura Breiling

Erfolg hat nicht
mit Noten zu tun

Geht nicht, gibt es für Steffi Biester nicht. Mit ihrer Organisation KICKFAIR will sie Jugendlichen zeigen, dass sie alles erreichen können – unabhängig davon, wo sie herkommen oder wie gut oder schlecht sie in der Schule sind.

Ashoka: Dass jeder die gleichen Chancen im Leben habe, ist ein sehr geläufiger Satz. Die Realität hingegen ist oft eine andere. Wie war das bei dir? 

Steffi: Ich habe das große Glück, dass ich aus einer Familie mit akademischem Hintergrund komme – mir standen alle Türen offen. Gleichzeitig gab es Ereignisse, die mir früh gezeigt haben, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben. Im Kindergarten habe ich beispielsweise immer gerne mit Bauklötzen und Autos gespielt. Es dauerte nicht lange, bis eine der Erzieherinnen kam und mich zu den Puppen und der Spielküche führte. Damals habe ich nicht verstanden, warum genau das passierte, bis mir irgendwann erklärt wurde: Es gebe einen Bereich für Jungs und einen für Mädchen und ich störe, wenn ich im falschen Bereich spiele. Dieses Konzept von uns versus die, das fand ich schon als kleines Kind maximal komisch. Diese Vorstellung von Andersartigkeit, diese Kategorien, sind bei mir einfach nicht angelegt. Ich habe mir deshalb schon früh die Frage gestellt: Wie entsteht Ungleichheit? Welche Mechanismen und Dynamiken führen zu Chancenungleichheit? Diese Themen und Fragen bewegen mich. 

Was ist dein Werdegang? 

In meinem ersten Beruf bin ich Physiotherapeutin. Ich habe ein sehr gutes Abitur gemacht und war damals auf Krawall gebürstet. Ich mach’ jetzt eine Ausbildung, ätsch, bätsch, habe ich damals gesagt. Viele Jahre habe ich am Olympiastützpunkt in Stuttgart gearbeitet, doch irgendwann konnte ich mich mit diesem Höher, Schneller, Weiter nicht mehr identifizieren – und ging an die Uni. Studierte Fächer, auf die ich schon im- mer Lust gehabt hatte: Pädagogik, Erziehungswissenschaften, Sportwissenschaften und Philosophie. In dieser Zeit habe ich gemerkt, dass der Sport wichtige Elemente beinhaltet, um Antworten auf gewisse Fragen zu finden: Was sind meine Werte, meine Kompetenzen, meine Haltung? 

Wie kamst du auf die Idee, Jugendliche durch Sport zu unterstützen? 

Mich hat immer interessiert, wie man Sport als Bildungsthema begreifen kann. Dabei geht es mir um den Menschen und um die Gesellschaft. Ich verstehe Sport als eine Art Vehikel, über das Jugendliche und Kinder sich einerseits persönlich entwickeln können und dabei unterschiedliche Kompetenzen erwerben, gleichzeitig aber auch im Miteinander ihren Platz in der Gesellschaft finden. 

Um welche Kompetenzen geht es in euren Programmen? 

Bei KICKFAIR geht es um die allgemeinen Hand- lungskompetenzen – das umfasst soziale, personale und strategische Kompetenzen. Und darum, dass sich diese Kompetenzen auf der Grundlage gemeinsamer Werte des Miteinanders entwickeln. Wichtig dabei ist: Wir vermitteln diese Kompetenzen nicht. Die Jugendlichen erwerben sie in verschieden Rollen und Aufgaben im praktischen Tun: als Organisator*innen, als Straßenfußball-Mediator*innen, als Youth Leader. 

Youth Leader sind junge Menschen die mit euch zusammenarbeiten und zu Organisatoren und Leadern werden. Wie kann man sich das in der Praxis vorstellen? 

Sagen wir mal, du bist zehn Jahre alt, auf der Hauptschule und denkst: Oh je, das ist eine echte Sackgasse. Auf dem Schulhof oder so hörst du, dass in zwei Wochen von älteren Schüler*innen ein KICKFAIR-Turnier organisiert wird. Das ist doch nichts für mich, denkst du, ich interessiere mich doch gar nicht für Fußball. Doch dann hörst du auch, dass es nicht ausschließlich um Fußball geht. Und dass nach ganz bestimmten Regeln gespielt wird, bei denen der Wettkampf nicht im Vordergrund steht. Der Zehnjährige lässt sich also darauf ein – so wie die meisten. 

Und was passiert dann? 

Bei so einem Turnier kommen Jugendliche aus verschiedenen Klassen zusammen – und sie organisieren die Turniere eigenständig. Da spielen Erwachsene überhaupt keine Rolle. Die jungen Menschen fangen von allein an, unterschiedliche Rollen zu übernehmen. Die erlernten Prozesse legen die Jugendlichen auf ihren Schulalltag um. 

Was verändert sich durch eure Arbeit bei den Jugendlichen? 

In ihren Rollen und Aufgaben erleben sich die Jugendlichen selbstwirksam. Sie beginnen, sich weniger an ihren Defiziten zu orientieren und entfalten ihre Potenziale. Sie entwickeln sich persönlich, aber auch als Teil einer Gemeinschaft. Junge Menschen, die von der Gesellschaft oft als chancenbenachteiligt oder als Teil des Problems hingestellt werden, werden selbst zu Changemakern ihrer Lebensrealitäten. Mit diesem Konzept weben wir uns immer tiefer in das Bildungs- und Erziehungssystem ein, um festgefahrene Denkweisen zu verändern. 

Gibt es eine Geschichte, also einen Lebensweg, der dich sehr berührt hat? 

Ja, ganz am Anfang, da war KICKFAIR noch gar nicht richtig ausgereift. Ein kleiner Junge kam zu mir und sagte, dass es sein Traum sei, Pilot zu werden. Er lächelte dabei nervös und fügte hinzu, »aber klar, kann ich nicht, ich bin ja auf der Hauptschule.« Marcel ist heute 28 Jahre alt, Pilot bei der Lufthansa und im Vorstand von KICKFAIR. Es geht also. Und mir ist bei dieser Geschichte ganz wichtig, dass es nicht darum geht, dass jede*r in der Luftfahrt landet. Es geht darum, dass es immer einen Weg gibt, die eigenen Talente zu erkennen und Träume zu erreichen. Alles ist möglich, davon bin ich überzeugt.