»Es fehlen verbindliche Orte, an denen sich Jung und Alt im Alltag begegnen.«

Autor:in: Jana Gioia Baurmann

»Es fehlen verbindliche Orte, an denen sich Jung und Alt im Alltag begegnen.«

Wie viele ältere Menschen erleben Sie im Alltag? Wann haben Sie zuletzt mit einem Kind zu Mittag gegessen? Das Modellprojekt »Wir schauen über den Altersrand – Gemeinsame Betreuung von Kindern und Alten« wollte alltägliche Beziehungen zwischen Jung und Alt ermöglichen. Nach dreieinhalb Jahren ist das Projekt nun abgeschlossen. Was sind die Erkenntnisse? Und was können wir als Gesellschaft daraus lernen? Ein Gespräch mit Ashoka-Fellow Hildegard Schooß, die das Projekt leitete.

Ashoka: Hildegard, ihr habt das »Werk-Buch« veröffentlicht, ein Praxisleitfaden für altersgemischte Betreuung. Bevor wir auf das damit zusammenhängende Projekt kommen: Wie bist du denn aufgewachsen?

Hildegard: Ich komme aus einer echten Großfamilie mit 13 Kindern. Ich war die Fünftgeborene. Meine Eltern hatten eine große Fleischerei und daher gab es viele Angestellte, mit denen wir mittags zusammen aßen. Eine Großmutter lebte mit uns im Haus, die andere nur ein Dorf weiter. Diese Form zu leben hat mich sehr geprägt.

Inwiefern?

Als mittleres Kind war ich häufig auf mich gestellt. Zwar gab es eine Kinderfrau, die angestellt war, um sich um die Kleinen zu kümmern. Doch die Älteren hatten schon früh Verantwortung – erst in der Familie, dann auch im Betrieb. So habe ich gelernt, dass es wichtig ist, sich nicht einfach nur versorgen zu lassen, sondern auch eigenständig unterwegs zu sein.

Großfamilien sind heutzutage eher die Ausnahme ­– die Kleinfamilie ist das Ideal. 1990 lebten im Durchschnitt 4,5 Menschen in einem Haushalt, heute sind es weniger als zwei. Aktuell leben 17 Millionen Deutsche alleine in einem Haushalt, ein Drittel von ihnen ist älter als 65. Wann hast du zum ersten Mal gemerkt: Da gibt es eine gesellschaftliche Schieflage, die zum Problem werden wird.

Ich habe früh Kinder bekommen – drei in drei Jahren –, mit der klassischen Rollenteilung: Mutter für Kinder und Haushalt, Vater für die ökonomische Sicherheit der Familie. Verantwortung war ich ja gewohnt, aber ganz alleine verantwortlich zu sein nicht. Ich merkte: Dass sich eine Mutter – womöglich noch erwerbstätig – alleine um alles Private kümmert, ist nicht gut. Weil es schlichtweg unmöglich ist. Als wir dann noch aus meiner Heimatstadt wegzogen, fand ich mich mutterseelenallein in einer fremden Stadt vor. Dort habe ich festgestellt, dass es ein Übel ist, wenn meine Kinder ausschließlich auf mich angewiesen sind. Und ich habe vermisst, dass sie keine älteren Generationen erlebten.

Lebten keine älteren Menschen in der Nachbarschaft?

Doch, klar, und ich habe schnell Beziehungen zu ihnen aufgebaut. Allerdings waren diese Beziehungen nicht verbindlich. Ich konnte nicht einfach sagen: ‚Frau Nachbarin, können Sie auf die Kinder aufpassen? Ich muss zum Arzt.’ Diese Jahre waren Jahre der Überforderung. Durch die Überforderung habe ich begonnen zu handeln.

1980 hast du das erste Mütterzentrum gegründet, ein Ort, an dem sich Mütter, Väter und Kinder aus der Nachbarschaft treffen und austauschen können. Hilfe zur Selbsthilfe sozusagen. Wie kam es nun zu dem aktuellen Modellprojekt »Altersrand«?

In Salzgitter konnten wir ein großes Haus bauen, in dem alle Generationen, alle Kulturen, alle Sprachen zusammenkommen können und alltägliche Kontakte zwischen den Generationen möglich sind. Was jedoch schwierig wird, bemerkte ich irgendwann, wenn Kinder morgens in Krippe oder Kindergarten gebracht werden und die Alten in Residenzen.

Woran liegt das?

Das ist eine Entwicklung der Zeit. Öffentliche Kinderbetreuung ist ja ein Segen, denke ich daran zurück, dass es zu meiner Zeit mit drei kleinen Kindern keine Krippe gab. Allerdings werden dadurch die Generationen auseinandergerissen, spontane Begegnungen zwischen den Generationen ergeben sich nicht mehr, nicht in der Nachbarschaft und auch nicht in Familien. Es fehlen verbindliche Orte, an denen sich Kinder und Alte alltäglich begegnen. Oder einfacher: Dass Beziehungen zwischen ihnen entstehen können.

Viele Kindergartengruppen besuchen hin und wieder Altenheime und singen den Älteren was vor. Helfen solche Programme, um Beziehung und damit gegenseitiges Verständnis aufzubauen?

Nicht besonders viel. Es ist schön, wenn Kinder in ein Altenheim gehen und was vorsingen, aber mich erinnert das immer an einen Zoo. Als wir das Modellprojekt Altersrand starteten, war ich über 70 und dachte: Das muss doch irgendwie gehen! Tat es dann auch, allerdings musste ich feststellen, dass es nicht so einfach war wie ich es mir gedacht hatte. Problematisch waren weniger die Rahmenbedingungen, sondern mehr die konkreten Dinge.

Zu den Rahmenbedingungen zählen entsprechende Räumlichkeiten. Wie habt ihr das gelöst?

Als wir unser eh schon großes Haus in Salzgitter mal wieder erweitern mussten, kam mir die Idee, die Situation zu nutzen und den Umbau so zu gestalten, dass wir durch bauliche Maßnahmen eine gemeinsame Betreuung ermöglichen könnten. Also von Kindern und älteren Menschen, die in der Tagespflege sind. Anschließend starteten wir ein ergebnisoffenes Projekt. Wir wussten nicht, wie es ausgehen würde. Klar hatten wir definiert, was wir erreichen wollten, aber es war das erste Mal, dass versucht wurde, Jung und Alt gemeinsam zu betreuen.

Du sagtest gerade, dass die konkreten Dinge schwieriger umzusetzen waren. Kannst du ein Beispiel nennen?

Wir haben doch alle im Haus, dachte ich anfangs noch: Eine Kindergartengruppe, die zu jener Zeit gerade gegründet worden war, und eine Altentagespflegegruppe. Also ist es ja nur noch das Personal, das schaffen muss, beide zusammen zu betreuen. Aber: Das war schwierig. Weil weder die Erzieher:innen noch die Altenpfleger:innen eine Vorstellung davon hatten, wie gemeinsame Betreuung funktionieren könnte. Die sind dafür gar nicht ausgebildet. Was passiert zum Beispiel, wenn Jung und Alt gemeinsam essen? Der alte Mensch nimmt sein Gebiss raus, das Kind spricht mit vollem Mund. Da war unser Personal auf gezielte Unterstützung angewiesen, die wir durch Schulungen, Workshops und so weiter ermöglichen konnten.

Gab es weitere Hebel, an denen ihr angesetzt habt?

Wir haben zusätzliches Personal eingestellt, das sich um das intergenerative Leben kümmerte. Und wir haben einen Steuerungskreis mit Expert:innen aus verschiedenen Fachgebieten gegründet, wo wir immer wieder besprochen haben, was wir wo wie machen können, um die vielen neuen Erkenntnisse umzusetzen.

Was hat dich denn noch überrascht?

Ich würde eher von Glück sprechen: Zu sehen, wie sehr Kinder und ältere Menschen das Zusammensein genossen haben, war überwältigend. Für die Alten wurde mit den Kinder ihre Einsamkeit weniger und die Kinder profitierten durch die Weitergabe vom Lebenswissen der alten Menschen – und beides wirkte nach. Mein Mann redet auf einmal wieder, sagte eine Dame. Jahrelang hatte der kaum gesprochen, und nachdem er ein halbes Jahr lang täglich mit Kindern zusammen gewesen war, redete er plötzlich wieder. Oder eine Mutter, die erzählte, dass sich ihr Kind auch außerhalb der Einrichtung um alte Menschen kümmert. Beispielsweise an der Ampel stehend fragt: Kann ich Ihnen helfen? Oder im Bus sofort aufsteht.

Worin siehst du dich bestätigt?

Event-Veranstaltungen wie ein einmaliges Vorsingen sind toll, aber zu wenig nachhaltig. Es braucht diese Alltäglichkeit und dafür braucht es eine Art Familienleben – auch in der öffentlichen Einrichtung. Wir sprechen daher von einem Wahlfamilienleben: zusammen den Tisch decken, gemeinsam essen, spielen, ansehen und berühren, solche Dinge.

Es kam Covid, es kam eine Pandemie …

Das war ein Schock! Vor allem, weil die Alten ja geschützt werden sollten und man einander schlagartig nicht mehr begegnen durfte. Grausam. Wir fielen in eine Art Schockstarre, bis wir schließlich lernten, kleine Beziehungsmomente zu etablieren. Wenn die Kinder über den Flur gingen, durften sie den Alten zumindest zuwinken. Oder dass man sich, über eine imaginäre Trennungslinie hinweg, etwas zurief. Kleine Öffnungsphasen gab es ja immer wieder und die haben wir genutzt. In der Zeit, die mit einem Mal übrig blieb, setzten wir uns an das Werk-Buch.

Das heißt, dass es ohne die Pandemie kein Werk-Buch gäbe?

Ja. Wir hätten wahrscheinlich einen erweiterten Ergebnisbericht gemacht, aber das Werk-Buch umfasst 120 Seiten und hat all unsere Energie beansprucht – die hätten wir, bei normalem Betrieb, dafür nicht gehabt.

Abschließend ein Blick nach vorn: Was wünschst du dir?

Gerade bemühen wir uns, Geld zu bekommen, um die Schulungen wie geplant umsetzen und Beratungen für Träger, die auch intergenerative Betreuung aufbauen wollen, anbieten zu können. Und wir würden gerne ein Anschlussprojekt umsetzen – zum Vergleich und mit mehreren Trägern. Natürlich erst, wenn die Pandemie vorbei ist. Das alles muss aber auch finanziert werden und dafür brauchen wir Unterstützung.

Mehr zum Modellprojekt, dem Ergebnisbericht und dem »Werk-Buch« gibt es hier.