Wie eine große Schwester

Katja Urbatsch Illustration

Autor*in: Julia Kloiber

Bild: Laura Breiling

Wie eine große Schwester

Abitur, Studium, Beruf – dieser Weg ist für Kinder aus Akademikerhaushalten häufig vorgezeichnet. In Familien, in denen alle eine Berufsausbildung gemacht haben, sieht das oft anders aus. Mit ArbeiterKind.de will Katja Urbatsch Nicht-Akademikerkindern auf dem Weg zum Uni-Abschluss helfen.

Ashoka: Du bist die Erste aus deiner Familie, die einen Hochschulabschluss erreicht hat. Gibt es Aussagen, die du diesbezüglich nicht mehr hören kannst?

Katja: Ja, da gibt es einige. »Wer in Deutschland studieren will, der kann das auch! Das System ist doch total durchlässig«, ist so eine. Oder: »Es müssen doch nicht alle studieren, wir brauchen ja auch Fach- kräfte.« Wer eine Ausbildung machen möchte, der kann gerne eine Ausbildung machen. Aber dieses unterschwellige «Die Arbeiterkinder, die sollen dann mal lieber eine Ausbildung machen”– das kann ich nicht mehr hören.

Du hast Nordamerikastudien, Betriebswirtschaftslehre, Publizistik und Kommunikationswissenschaft studiert – wie kamst du dazu, Arbeiterkind.de zu gründen?

Ich hatte eigentlich nie vor zu gründen. Begonnen hat alles mit einer Internetseite, auf der ich meine Erfahrungen teilen wollte und anderen Arbeiterkindern Mut machen wollte, sich an einer Universität einzuschreiben. Bevor ich studieren konnte, musste ich mir viele Informationen selbst zusammensuchen, das war mühsam. Andere sollten es nun einfacher haben, das war mein Gedanke. Und dann ging alles sehr schnell. Wir haben bei Startsocial mitgemacht und waren plötzlich in den Medien. Daraufhin haben mir Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, geschrieben, dass sie mitmachen möchten. Auf einmal war alles riesengroß. Ein echter Überraschungserfolg, den ich so nie geplant hatte.

Das heißt, du hast ganz allein angefangen?

Ich hatte die Idee, aber ich brauchte natürlich ein Team, um das alles zu stemmen. Mein Bruder und noch zwei Freundinnen – alles Arbeiterkinder – waren Teil des Teams, mit dem wir gestartet sind. Ebenso mein Freund. Er ist heute noch mit dabei, mit ihm teile ich mir die Geschäftsführung.

Hat sich die Situation, seit es Arbeiterkind gibt, verbessert?

Leicht, ja. Aber es ist leider immer noch so, dass das Elternhaus der entscheidende Faktor dafür ist, welche Bildungschancen ein Kind erfährt. Laut einer Studie beginnen hierzulande von 100 Akademikerkindern 79 ein Hochschulstudium – von 100 Nicht-Akademikerkindern entscheiden sich nur 27, an eine Universität zu gehen. Gründe gibt es viele: In Arbeiterfamilien mangelt es zum Beispiel an Vorbildern oder an finanzieller Unterstützung. In Deutschland ist es sehr verbreitet, darauf zu schauen, aus welchem Elternhaus jemand kommt und welche Unterstützung es dort gibt. Ist wenig Unterstützung vorhanden, dann gehen Lehrer*innen häufig auf Nummer sicher und empfehlen Kinder nicht für das Gymnasium. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Selbstwahrnehmung der Kinder. Wenn ihnen nichts zugetraut wird, dann trauen sie sich auch selbst nichts zu.

Du sprichst von mangelnden Vorbildern innerhalb der Arbeiterfamilien. Welche Rolle spielt dabei das Geschlecht? 

Immer noch eine große. Beim Sohn wird es oftmals am ehesten akzeptiert, dass er studiert. Für viele passt es jedoch nicht ins traditionelle Rollenbild, wenn die Tochter einen höheren Bildungsabschluss hat als der Vater. Frauen haben es aus meiner Sicht häufig schwerer – obwohl sie oft die besseren Noten haben.

In welcher Rolle siehst du dich?

Ich möchte ein Vorbild sein, sozusagen die ältere Schwester, die man nicht in der Familie hat. Gemeinsam mit unseren Ehrenamtlichen zeigen wir jungen Menschen: »Schaut her, es geht! Und du kannst es auch!« Wir versuchen, den Leuten bewusst zu machen, was sie alles schon gemeistert haben und wie viel mehr sie noch schaffen können. Indem wir Potenzial in den jungen Menschen sehen, sehen sie es auch in sich selbst.

»Bildung für alle« klingt gut, ist aber noch immer eine Floskel. Wo muss die Politik in den kommenden Jahren ansetzen?

Studienfinanzierung ist eines der wichtigsten Themen. Vor allem beim Studieneinstieg, weil man da häufig in Vorleistung gehen muss: Geld für Semesterbeiträge, Geld für die erste Miete, Geld für die Kaution. Das sind keine großen Summen, doch es sind oft diese vermeintlich kleinen Hürden, an denen ein Studium dann scheitert. In Politik und Gesellschaft fehlt dafür das Bewusstsein. Ich würde mir auch wünschen, dass die Politik klar formuliert, den Bildungsaufstieg
in Deutschland fördern zu wollen. Im Moment
mangelt es an dieser Botschaft.

2018 überreichte dir Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Bundesverdienstkreuz am Bande. An welche anderen Momente erinnerst du dich gerne zurück?

Das Bundesverdienstkreuz zu erhalten, war schon eine große Ehre. Am meisten habe ich mich allerdings darüber gefreut, wie sehr andere sich gefreut haben. »Katja, wir haben so gejubelt!«, erzählten mir anschließend viele. Ein weiterer Glücksmoment war die Ashoka-Fellowship. Als ich die bekommen habe, stand ich ganz am Anfang – und musste, Stichwort Finanzierung, schauen, wie ich das stemme. Die Fellowship war damals wie ein Sechser im Lotto. Ich bekam Geld und merkte, dass auch andere an das Projekt glauben. 

Danke für das Gespräch.