Feminismus =
Frieden

Illustration von Kristina Lunz

Autor*in: Julia Kloiber

Bild: Laura Breiling

Feminismus =
Frieden

Kristina Lunz arbeitet daran, die Außenpolitik feministischer zu machen. Mit dem Centre for Feminist Foreign Policy (CFFP) möchte sie Entmilitarisierung und Geschlechtergerechtigkeit voranbringen – und damit für mehr Frieden sorgen.

Ashoka: Wann bist du das erste Mal mit Feminismus in Berührung gekommen?

Kristina: Bis ich studiert habe, konnte ich mit dem Begriff Feminismus nicht wirklich etwas anfangen. Ich bin auf dem Land groß geworden, sehr behütet, in einem Dorf mit 80 Einwohner*innen. Alle machtvollen Positionen dort waren und sind nach wie vor von Männern besetzt: Es gibt einen Bürgermeister, einen Wirtshausbesitzer, einen Pfarrer – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Komisch fand ich das damals nicht. Über die Jahre hinweg habe ich mich mehr und mehr mit kritisch-feministischem Denken auseinandergesetzt und mir fielen immer mehr Ungerechtigkeiten auf. Irgendwann war mir klar, dass ich etwas dagegen tun wollte.

Was ist dein WerdeNach dem Studium hast du das Centre for Feminist Foreign Policy gegründet. Wofür setzt ihr euch ein?

Wir wollen die Außenpolitik verändern, indem wir Rechte, Ansichten und Bedürfnisse von Gruppen in den Fokus nehmen, die sonst nicht an erster Stelle stehen. Frauen etwa sind die größte politische Minderheit. Uns geht es aber genauso um Rolle und Position von LGBTQI*-Menschen oder nicht weißen Menschen. In unserer Vorstellung wird eine feministische Außenpolitik vor allem von den Vorstellungen einer feministischen Zivilgesellschaft beeinflusst. Der signifikanteste Faktor, ob ein Land nach innen hin oder anderen Ländern gegenüber gewaltbereit ist, ist das Niveau an Gleichberechtigung – dazu gibt es Forschung. Diese Erkenntnis bedeutet ganz klar, dass wir international keinen Frieden schaffen können und keine Konflikte verhindern werden, wenn wir nicht mehr feministisches Denken in Außen- und Sicherheitspolitik bekommen.

Schweden war das erste Land mit einer feministischen Außenpolitik. Danach folgten Kanada, Frankreich und Mexiko. Wie steht es in Deutschland um Feminismus in der Außenpolitik?

Man muss wissen, dass das Auswärtige Amt sehr traditionell ist. Da gibt es viel Widerstand gegenüber progressivem Vorgehen in der Außenpolitik. Das Auswärtige Amt verwendet den Begriff »feministisch« zwar nicht, fördert aber geschlechtergerechte Politik innerhalb und außerhalb des Ministeriums. Trotzdem sind nur 15 Prozent aller deutschen Botschafter*innen weiblich. Was faire Machtverteilung zwischen den Geschlechtern angeht, ist das Auswärtige Amt im interministeriellen Vergleich auf dem vorletzten Platz. Repräsentation ist zwar nur ein Aspekt von feministischer Außenpolitik, aber ein sehr wichtiger. Es gibt natürlich Menschen innerhalb des Ministeriums, die sich dafür einsetzen, den Status quo zu verändern. Zum diesjährigen Weltfrauentag hat Deutschland zum ersten Mal in seiner Geschichte einen Bericht zu »Gender Equality & Foreign Policy« herausgebracht.

Du sagst, dass das Auswärtige Amt den Begriff »feministisch« nicht verwendet – ihr tragt ihn im Titel eurer Organisation. Warum ist euch das wichtig?

Es gibt keine Veranstaltung, auf der ich nicht die Frage gestellt bekomme, ob es nicht schlauer gewesen wäre, wenn wir »Feminist« aus dem Titel genommen hätten. Weil das ja so eine negative Konnotation habe, heißt es dann oft. Für uns ist das so: Wir stehen auf den Schultern so vieler starker Frauen, die für uns über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg den Weg bereitet haben. Wir profitieren von ihrer Vorarbeit und von ihren Kämpfen. Alles, was wir als Frauen, als politische Minderheiten, als Arbeiterschicht machen dürfen, wurde zum Großteil von Feministinnen erkämpft. Es wäre für mich persönlich, aber auch für die Organisation, ein Zeichen von Respektlosigkeit, diesen Kampf nicht anzuerkennen.

Was macht ihr als CFFP, um die aktuelle Situation zu verändern?

Wir agieren in drei Bereichen: Zum einen kümmern wir uns um das sogenannte Community-Building, versuchen also, eine kritische Masse an Leuten aufzubauen, die das Thema unterstützen. Zum anderen betreiben wir Lobby- und aktivistische Arbeit. Und dann produzieren wir Wissen.

Wie kann man sich das vorstellen?

Vor Kurzem haben wir eine Studie veröffentlicht, in der es auf 50 Seiten darum geht, wie eine feministische Außenpolitik der EU aussehen kann und was sich dafür ändern muss. Das ist Pionierarbeit. Ein anderes Beispiel: Zur Münchner Sicherheitskonferenz, der weltweit wichtigsten Konferenz zu Sicherheitspolitik, haben wir eine Veranstaltung zu feministischer Außenpolitik organisiert.

Wenn man sich deinen Lebenslauf durchliest und in welche Rankings du schon überall aufgenommen worden bist, kann man sich fragen: Warum machst du das, was du machst?

Mit den Abschlüssen, die ich habe, kann man sich finanziell, glaube ich, kaum etwas Schlechteres aussuchen. Trotzdem ist meine Arbeit das größte Geschenk für mich. Eine Organisation komplett nach den eignen Werten aufbauen zu dürfen, ist eine richtig geile Sache. Jeden Tag mit einigen der beeindruckendsten Vordenkerinnen zu Feminismus, Außen- und Militärpolitik zusammenarbeiten zu dürfen, macht mich glücklich.