Frauen schützen

Autor*in: Laura Haverkamp

Bild: Daniele Levis Pelusi, Unsplash

Frauen schützen

Aktuell bewegen international unter dem Hashtag #challengeaccepted veröffentlichte schwarz-weiß-Bilder die Social Media-Welt. Aktivist*innen mobilisieren so, um auf das Thema Femizid aufmerksam zu machen sowie auf Gewalt gegen Frauen insgesamt. Auch in Deutschland erlebt jede vierte Frau im Laufe ihres Lebens körperliche und / oder sexuelle Gewalt durch ihren Partner. Das will Ashoka Fellow Marion Steffens nicht hinnehmen. Seit mehr als 25 Jahren unterstützt Marion mit GESINE Ärzt*innen sowie Menschen aus anderen Gesundheitsberufen dabei, häusliche Gewalt frühzeitig zu erkennen und adäquat darauf zu reagieren. Wir haben mit ihr gesprochen, wie sie die Situation in Zeiten von Corona beurteilt.

Sozialer Rückzug, Isolation, ein Leben mit der Kernfamilie – all das soll helfen, das Virus einzudämmen. Andererseits, das wurde etwa an Zahlen aus Wuhan deutlich, steigen in solchen Extremsituationen Fälle von häuslicher Gewalt. Wie siehst du das?

Tatsächlich wissen wir noch nicht, wie sich die Situation entwickeln wird. Ob Männer, die nie gewalttätig waren, nun unter dem Stress gewalttätig werden, ist noch nicht verifizierbar. Da Gewalt sehr stark mit gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Rahmenbedingungen zusammenhängt, können wir Wuhan nicht auf Wuppertal übertragen.

Ziemlich sicher ist allerdings: Die Situation der Frauen, die von Gewalt bedroht oder betroffen sind, wird sich verschlechtern. Private Unterstützung geht wegen der sozialen Distanznahme zurück, die Polizei wird im Quarantänefall eventuell keine Wegweisung des gewalttätigen Mannes durchsetzen oder erst gar keinen Einsatz fahren. Die Gesundheitsversorgung bricht eh mehr und mehr ein – eine angemessene Versorgung von Gewaltopfern wird da eher unwahrscheinlich. Psychische Krisen werden zunehmen.

Wie konnte und kann GESINE da helfen?

Wir haben ein Corona-Schutzkonzept für Frauenhäuser entwickelt, das wir seitdem regelmäßig updaten. Seit März versuchen wir außerdem, Lösungen für Problemanzeigen aus der Unterstützungspraxis zu finden. Wir haben ein digitales Tool entwickelt – eine browserbasierte App –, das Frauen, die versuchen ihren gewalttätigen Partner zu verlassen, unterstützt. Leider fehlt uns noch das Geld. Wir haben Hotels organisiert und mit den Betreibern über die Nutzung als Schutzunterkünfte verhandelt. Nach wie vor akquirieren wir Unterstützung, wo wir können. Es gibt auch eine neue Webseite, auf der wir ein Hilfspaket speziell für die Situation unter Covid-19 eingebaut haben.

So eine Krise bedeutet auch, mit verschiedenen Gefühlen umgehen zu müssen – mehr als gewohnt. Mal ist man wütend, mal traurig, mal positiv gestimmt. Wie erging und ergeht es dir?

Einerseits bin ich sehr, sehr berührt von der Bereitschaft zu handeln. Der Ideenreichtum der Ashokis und von vielen, vielen anderen begeistert mich. Andererseits bin ich entsetzt über politische Entwicklungen. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise wurde im März ein Hilfspaket für von Gewalt betroffene Frauen und Frauenhäuser abgelehnt. Auch für unser Tool wurde kein Geld bereitgestellt. Seit Wochen verbringe ich also viel Zeit mit so etwas Überflüssigem wie Finanzakquise – obwohl Geld in Hülle und Fülle da ist. Was mich täglich motiviert ist der Gedanke, dass es in unserer Hand liegt, die Welt zu gestalten.

Das Profil von Marion Steffens >> könnt ihr hier ansehen.

P.S.: Kennt ihr schon die Ana Bella Stiftung von Ashoka Fellow Ana Bella Estevez? Lernt sie und ihre Arbeit kennen – ein weiteres faszinierendes Beispiel der Arbeit für von Gewalt betroffenen Frauen, die begleitet werden und nicht mehr als Opfer, sondern als Gestalterinnen ihrer eigenen Perspektiven gestärkt werden – und anderen Frauen auf dem Weg Mut machen.