Hey Europa!

Autor:in: Judit Costa

Bild: Alexia Souvalioti CC-BY-NC-SA

Hey Europa!

Wenn Menschen fliehen, dann fliehen Familien. Seit Februar 2022 entwickelte sich die schnellste und dynamischste Fluchtbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg mitten in Europa. Etwa die Hälfte aller Menschen auf der Flucht aus der Ukraine sind Kinder und Jugendliche. Es ist eine Zeit der Ungewissheit und der Orientierungslosigkeit, die Kinderfragen „Wie lange noch?“ oder „Wann sind wir da?“ gewinnen eine ganz neue Bedeutung.  Nach Tagen, manchmal Wochen, ist der erste Teil des Weges endlich geschafft, es macht sich auch Hoffnung breit. Die Kinder und Jugendlichen schauen sich ihre neue Umgebung an und lernen sie kennen. Sie sind voller Ängste und Sorgen, aber auch voller Ideen und Tatendrang – darum geht es bei Ashokas neuem Programm Hey Europe.  

Migration ist keine Ausnahme – sie ist die Norm

Bis Mai 2022 kamen 727.200 Menschen nach Deutschland, die gesamte Europäische Union erwartet etwa zwischen 8 und 10 Millionen.1 Es werden 2022 weit mehr Menschen nach Deutschland kommen als 2015 während der Fluchtbewegung aus Syrien. Und denjenigen, die schon lange in  Deutschland leben, wird bewusst: Die Syrien-Krise war keine Ausnahme. Es ist vielleicht keine einfache Erkenntnis, aber eine wichtige Wahrheit: Die Flucht vor dem Krieg in der Ukraine wird auch nicht die letzte Krise sein, der wir sich Europa stellen müssen. Es werden sich weltweit immer mehr Menschen gezwungen fühlen ihre Heimat zu verlassen und sich auf die Suche nach einem besseren Leben machen, gerade für ihre Kinder.

Was hat Deutschland bis jetzt aus Fluchtbewegungen gelernt? Die Ukrainerinnen kommen mit ihren Kindern nicht in Turnhallen unter, sondern oft in Privatunterkünften, zunächst zumindest. Syrer und Syrerinnen wurden 2015 nach dem Königsteiner Schlüssel bürokratisch auf die Bundesländer verteilt, ewig lange Bearbeitungszeiten der Anträge verlangten allen Geduld ab, und nur ganz wenige Menschen sprachen in Deutschland Arabisch. Zunächst gab es auch 2015 eine riesige Welle von Solidarität, Freiwillige begleiteten die geflüchteten Menschen bei Behördengängen, meldeten Kinder in Kitas und Schulen an. Doch 2017 zog eine rechtsextreme Partei in den Bundestag ein. Den Wahlkampf führte sie mit rassistischen Parolen, schürte Neid und Missgunst, zeichnete ein Zerrbild der Geflüchteten und all derer, die sie unterstützten.  

Ankommen in Deutschland

Einige Kinder und Jugendliche werden eines Tages vielleicht in die Ukraine zurückkehren. Doch viele werden in Deutschland bleiben. Schwangere Frauen werden ihre Babys in Deutschland bekommen. Schon jetzt kommen die ersten ukrainisch und russisch sprechenden Kinder in Schulen und Kitas an, es werden jedoch noch weit mehr werden.

Für das deutsche Schulsystem, das Gesundheitssystem, der Wohnungsmarkt und den Arbeitsmarkt braucht es viele gute Ideen, und auch ein Umdenken und eine neue Offenheit. Starre überalterte Systeme werden nicht von geflüchteten Menschen überlastet, sie taugten auch vor dieser Fluchtbewegung nicht mehr. Doch gerade hier, und auch in vielen anderen Lebensbereichen, brauchen wir soziale Innovationen von Menschen, die mit Gestaltungswillen Potenziale erkennen und Lösungen umsetzen. Diese Menschen sind auch solche mit einer Fluchtgeschichte. Es ist höchste Zeit, gerade in Deutschland, Flucht- und Migrationserfahrungen nicht nur als Quelle von Trauma sondern auch von Kreativität und Veränderungswillen zu begreifen.

An diesem Umdenken arbeiten wir bei Ashoka mit Hello Europe seit 2015, in dem wir Menschen mit Migrationsgeschichten dabei unterstützen gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben und die Lebensumstände in ihrer alten oder neuen Heimat zu verbessern.

Mit „Hey Europe“ legen wir in Deutschland den Fokus nun ganz im Sinne unserer globalen Strategie auf junge Menschen, und ihre Ideen und Erfahrungen mit dem Aufwachsen anderswo. Denn unter all den ankommenden Menschen sind Jugendliche, die vor ihrer Flucht mit ihren Freunden Skateboard gefahren sind oder in ihrer Schule einen Schulgarten angelegt haben. Sie sind in Kiew, Lwiw, in Charkiw oder auf dem Land aufgewachsen, haben sich dort mit Freunden zusammengetan und zum Beispiel eine Videospieltauschbörse gegründet. Einige haben vielleicht auf ihrer Flucht bei einer Zwischenstation in Polen auf kleinere Kinder aufgepasst und mit ihnen gespielt, um sie abzulenken.

Kinder und Jugendliche voller Mitgefühl, Kreativität und dem Willen, diese Welt zu verändern, sind in Deutschland angekommen. Ihr Lebenslauf hat jetzt einen Bruch, sie haben Erinnerungen und Familie in einem anderen Land, aber sie haben eben auch eine Gegenwart in Deutschland und eine Zukunft überall auf der Welt. Sie sind fähig und eingeladen Gesellschaft mitzugestalten: Everyone a Changemaker.