»Ich bin nicht gekränkt, wenn aus meiner Nominierung nichts wird«

Autor:in: Jana Gioia Baurmann

»Ich bin nicht gekränkt, wenn aus meiner Nominierung nichts wird«

Ashoka ist stets auf der Suche nach neuen Fellows. Das sind Menschen, deren Idee ein Problem beseitigt. Deren Idee gesellschaftlich Wirkung zeigt. Es gibt viele tolle und innovative Ideen – doch nicht alle Menschen dahinter werden Ashoka-Fellows. Um einen Einblick in den Prozess zu bekommen, haben wir mit Dorothee Vogt gesprochen. Dorothee, die bei der Schöpflin Stiftung den Programmbereich Wirtschaft & Demokratie leitet, hat schon ein paar Mal Menschen mit guten Ideen als mögliche Fellows vorgeschlagen – zwei von ihnen wurden schließlich ins Netzwerk aufgenommen. 

Ashoka: Dorothee, wo begegnest du denjenigen, die das Potenzial haben, Ashoka-Fellow zu werden? 

Dorothee Vogt: Ich bin seit vielen Jahren beruflich in dem Kontext soziales Unternehmertum und Gemeinnützigkeit unterwegs und habe daher, glaube ich, einen guten Marktüberblick. Akteur:innen lerne ich oft in einem frühen Stadium kennen, also an einem Punkt, wo sie schon gegründet haben, aber eben noch Unterstützung brauchen können. Manche von ihnen schlage ich dann als mögliche Fellows vor. 

Es gibt ja viele Menschen, die gute Ideen haben. Woran merkst du, dass eine Person zu Ashoka passen könnte? 

Ashoka geht es, nach meinem Verständnis, vor allem um das Thema Persönlichkeit. Eine Organisation oder Idee kann noch so toll sein – gesucht werden bei Ashoka aber auch Persönlichkeiten, die das Visionäre an der Idee vermitteln können, die alles zusammenhalten und voranbringen. Ein weiteres Kriterium ist, dass die Lösung ein Problem bei der Wurzel packt und es nicht nur – auch wenn das ebenfalls wichtig ist – lindert.  

System-changing new idea“ nennen wir das, also eine neue Idee, die ein bestehendes System verändert. Diese neue Idee zu haben, ist nur eine von fünf Voraussetzungen. Gibt es Kriterien, die wir besser erklären müssen? 

Wer nicht in der Welt des Sozialunternehmertums zuhause ist, wird vor allem zwei Kriterien, glaube ich, nicht verstehen. Bei Dingen wie Persönlichkeit und Innovation ist der Zugang intuitiv, das kann man sich vorstellen. Was aber bedeutet es, ein nachhaltiges Finanzierungsmodell zu haben? Und kann Unternehmertum auch bedeuten, dass ich kein Geld über Produkte und Dienstleistungen einnehme, sondern beispielsweise über Spenden und Förderungen? Mit Unternehmertum verbinden die meisten noch immer, viel Geld zu verdienen. Was also ist gemeint mit einem unternehmerischen Ansatz bei der Lösung sozialer Probleme?  

… es ist eine Art und Weise, wie man Finanzierung denkt. Und die Haltung, Wirkung skalieren zu wollen.  

Ja, Komponenten, die anderen Unternehmen und Start-ups sehr ähnlich sind, ihnen aber nicht eins zu eins entsprechen. Für viele ist das schwer zu verstehen. Ein weiteres Kriterium, an dem auch ich – muss ich zugeben – immer wieder knabbere, ist der Systemwandel. Wann packt eine Lösung das Problem bei der Wurzel – und wann lindert es Leid? Ja, auch Leid muss gelindert werden, Ashoka geht es jedoch um mehr.  

Was machst du, wenn du dir bei dem system change-Kriterium unsicher bist? 

Ich schlage die Person trotzdem vor. Vielleicht kann man auch einfach sagen: Schlagt vor, nominiert – ob eine Idee dann wirklich dem system change-Kriterium entspricht, findet das Team von Ashoka heraus. Sollte die Idee der Prüfung nicht standhalten, ist es eben so. Ich bin nicht gekränkt, wenn aus meiner Nominierung nichts wird.

Wenn eine Person vorgeschlagen wird, beginnt ein sehr aufwendiger Auswahlprozess: unter anderem wird recherchiert, ob die Idee in gleicher oder ähnlicher Form bereits existiert. Es werden mehrere Gespräche mit der- oder demjenigen geführt, bevor die Person – gegebenenfalls – von einem Ausschuss interviewt wird. Du warst Teil eines solchen Ausschusses. Wie schnell wusstest du da, ob die Personen zu Ashoka passen? 

Ich durfte ein paar Sozialunternehmer:innen kennenlernen, die alle ganz unterschiedliche Dinge machen und die mich alle sehr beeindruckt haben. Da sitzt dann eine Person vor dir, die im besten Fall Energie, Charme, Esprit versprüht. Und die Außergewöhnliches leistet. Trotzdem darf ich meine Entscheidung nicht aufgrund von Sympathie treffen. Daher fand ich es hilfreich, dass sich der Ausschuss anschließend zusammensetzt und diskutiert. Dieser Austausch ermöglicht einem, die eigenen Eindrücke abzugleichen und sich zu vergewissern. 

Kannst du ein Beispiel nennen? 

Nehmen wir das system change-Kriterium: Hat eine Person eine Innovation im Bildungsbereich entwickelt, kenne ich mich in diesem Kontext zu wenig aus, als dass ich beurteilen könnte, ob die Idee wirklich eine Hebelwirkung haben kann. Ich glaube auch, dass sich schnell eine Erzählung finden lässt, weshalb etwas eine Hebelwirkung haben kann – wenn man diese Erzählung allerdings überprüft, merkt man auch schnell, dass das nicht der Fall ist. Diese Klarheit entsteht meist im Austausch mit anderen. Auch eine Hypothese, die einer Idee meist zugrunde liegt, kann so nochmals überprüft werden.  

Das Ausmaß, inwieweit eine Idee einen Status quo verändern kann, ist ja häufig eine Annahme … 

Ja, auch weil die Beweisführung bei sozialen Innovationen wahnsinnig schwierig ist. Wie messen wir zum Beispiel Wirkung? Das heißt aber auch, dass die Einschätzung über einen Systemwandel immer auch ein nicht komplett objektivierbares Moment hat – deswegen ist es gut, wenn nicht nur eine Person entscheidet, sondern im Diskurs entschieden wird. Weil dann gewährleistet ist, dass zumindest mehrere Sichtweisen gehört werden.