»Ich will, dass Menschen Unterdrückung spüren«

Aufbau Verlag

Autor:in: Jana Gioia Baurmann

Bild: Aufbau Verlag

»Ich will, dass Menschen Unterdrückung spüren«

Ashoka-Fellow Emilia Roig hat ein Buch geschrieben: »Why We Matter« heißt es, Warum wir wichtig sind. Sie schreibt über ihr Leben als schwarze Frau, über ihr Queer Awakening, das zu einem familiären Coming-out wurde, über Familien- und Gesellschaftsstrukturen. Und sie fragt sich, wie tiefgreifende systemische Veränderungen aussehen könnten. Auch darauf gibt das Buch Antworten.

Ashoka: Dein Buch ist sehr intim, auf mehreren Ebenen. Du schreibst, dass du in einer rassistischen Familie groß geworden bist. Dein Großvater beispielsweise ist in der rechtsextremistischen Partei Front National aktiv und findet Le Pen toll. Du schreibst darüber, dass du einen Mann geheiratet hast und dir kurz nach der Hochzeit bewusst wurde, dass du queer bist. Fiel es dir schwer, so offen zu sein?

Roig: So offen zu sein, war eine bewusste Entscheidung – von Anfang an. Wenn wir konstruktiv über Unterdrückung sprechen wollen, müssen wir unser ganzes Selbst mit einbeziehen. Es ist kein Thema wie, sagen wir Infrastruktur, das sich trocken und distanziert besprechen lässt. Ja, es braucht Mut, auch seine schwierige Geschichte zu erzählen. Und wir brauchen viel mehr von diesem Mut. Solange wir uns für unsere Familiengeschichten schämen und nicht verstehen, wie sehr sie uns prägen – ob wir das nun wollen oder nicht – dann können wir nicht authentisch und ehrlich darüber sprechen und etwas bewegen.

Wie hat denn dein Großvater reagiert, als er deine Beschreibung über sich las?

Mein Großvater ist inzwischen gestorben. Und das Buch so, wie es jetzt ist, hätte er nicht lesen können, der Sprache wegen. Ich stehe zu dem, was ich geschrieben habe, zu meiner Haltung, meiner Coming-out-Geschichte … weil ich überzeugt davon bin, dass wir mehr persönliche Geschichten brauchen, die sich mit dem Thema beschäftigen. Was mich allerdings umtreibt, ist der Gedanke, dass das Buch wohl ins Französische übersetzt werden wird. Mein Vater wird es dann lesen können. Mir seine Reaktion vorzustellen, arbeitet in mir.

In der Danksagung schreibst du über deinen Vater: »Papa …«

… Meine Liebe für dich geht weit über die Grenzen hinaus, die in diesem Buch dargelegt wurden. Wenn er das Buch lesen wird, wird er wahrscheinlich verletzt sein. Dass er es nicht verstehen wird, ist für mich als Tochter eine schwierige Vorstellung. Die Beziehung zu meinem Vater ist immer mit einem inneren Konflikt verbunden: Weil ich einerseits Verständnis haben will für ihn, für sein Verhalten, für seine Einstellungen, für seine Gedanken. Andererseits fällt es mir schwer, die rassistischen Muster in unserer Familie zu ignorieren – nur im Sinne einer guten Beziehung zu ihm.

Welche Leser:innen hattest du im Kopf, als du das Buch geschrieben hast?

Ich hatte viele Menschen im Kopf: meine Kamerad:innen und Geschwister aus der Social Justice-Bewegung, vor allem schwarze Menschen, People of Color, die gegen Rassismus kämpfen, queere Menschen, … also eigentlich alle, die der konstruierten Norm nicht gehören und sich gegen Rassismus und für mehr soziale Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft engagieren. Auch behinderte Menschen hatte ich im Kopf. Aktivist:innen. Und auch Menschen, die sehr naiv an die Sache ran gehen, weil sie nicht davon betroffen sind und sich bislang keine Gedanken gemacht haben – und die aber offen für dieses Thema sind. Wen ich nicht im Kopf hatte: Menschen, die dieses Buch hassen werden. Die sind mir relativ egal.

Viele werden das Buch als eine Art Manifest des Center for Intersectional Justice lesen. Fühltest du dich während des Schreibens davon unter Druck gesetzt?

Druck mache ich mir immer, bei allem. Das ist also leider ein Dauerzustand bei mir und nicht mit dem Buch verbunden. Das Schreiben an sich war ein sehr natürlicher Prozess. Und einer, der mir sehr viel Spaß gemacht hat – ganz anders als beispielsweise das Schreiben meiner Dissertation.

Inwiefern?

Als ich meine Dissertation geschrieben habe, war ich bestimmte Normen gebunden. Dieser Prozess einer Doktorarbeit ist sehr kolonial, sehr patriarchal geprägt, weil der wissenschaftliche Bereich noch immer so funktioniert. Ich fühlte mich also permanent beobachtet und bewertet. Bei dem Buch jetzt hatte ich sehr viel Anerkennung und Unterstützung vom Verlag und sehr viel Vertrauen.

Interessant finde ich, dass du das weltliche Chaos – namentlich die AfD, Bolsonaro oder auch Trump – als Zeichen für eine positive Veränderung siehst. Wenn ich Nachrichten lese, schaue, höre, habe ich eher das Gefühl, dass alles in die Brüche geht …

… ich konsumiere ja gar keine Medien. Ich gucke nie Nachrichten und lese selten Zeitung. Klar, das sind schlimme Menschen, die schreckliche Ansichten vertreten – aber wenn wir auf die gesamte Entwicklung schauen, empfinde ich sie eher als eine Art Schluckauf von Widerstand. Nach dem Motto: Nein, nein, nein, das darf nicht passieren, lasst uns am Alten festhalten! Also eine Ablehnung von Veränderung, die sowieso passiert.

Bleiben wir beim Thema Medien. Du schreibst, dass Medien – vor allem der Film – Empathielücken habe. Weil es gerade so aktuell ist: In der WDR-Sendung »Die letzte Instanz« sagte Alt-Moderator Thomas Gottschalk, dass er mit einem anderen Katalog an Wertemaßstäben groß geworden sei – was ihm erlaube, bestimmte Begriffe weiterhin zu nutzen. Er meine sie ja nicht verletzend. Oder Schlagersänger Jürgen Milski, der sagte, dass er »so viele Ausländer« in seinem Freundeskreis habe – und deswegen auch problemlos Z-Schnitzel sagen könne.

Viele waren ja überrascht davon, dass so etwas in den Öffentlich-rechtlichen gezeigt wurde – mich überraschte das, ehrlich gesagt, gar nicht. Für mich war das eine Erscheinungsform von entitlement. Also der Anspruch auf Freiheit, andere zu unterdrücken. Freiheit, sich nicht zu bewegen. Freiheit, den Status quo beizubehalten. Es passiert schnell, dass sich Debatten in solch eine Richtung bewegen, weil sich diejenigen, die bislang privilegiert waren, von Veränderung bedroht fühlen. Die Sendung hat das, finde ich, sehr eindrücklich gezeigt.

Mit »Die beste Instanz«, gezeigt auf YouTube, folgte prompt eine Entgegnung. In deinem Buch erwähnst du globale soziale Mobilisierungen wie #Metoo, BlackLivesMatter oder Fridays For Future. Welche Rolle spielt das Internet, wenn wir vom Ende der Unterdrückung sprechen?

Das Internet spielt eine sehr wichtige Rolle. Auch eine vielfältige Rolle, weil das Internet nicht per se gut oder schlecht, das wissen wir ja. Aber das Internet gibt Menschen eine Stimme, die sie anderswo vielleicht nicht haben, weil sie in dem Mainstream unterdrückt werden. Soziale Medien geben diesen Menschen eine Plattform. Es gibt also ein unglaublich großes Potenzial, das oft nicht ausgeschöpft wird, leider. Dass Twitter und Co Trump gesperrt haben war zum Beispiel eine machtvolle Geste.

Die Unterzeile deines Buchs lautet: Das Ende der Unterdrückung. Kann das Buch auch als ein Ende deiner Unterdrückung gelesen werden? Dass du dich damit frei geschrieben hast?

Schöne Frage. Nein, es ist nicht das Ende meiner Unterdrückung, aber das Schreiben hatte eine befreiende und sehr heilende Wirkung für mich. Weil ich mit dem Buch meine Perspektive in die Welt tragen kann. Meine Stimme – vertretend für viele bisher unerhörten – wird jetzt gehört. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass eine schwarze queere Frau in Deutschland solch ein Buch bei einem etablierten Verlag schreibt. Da haben viele vor mir gekämpft, sich dafür eingesetzt, dass es eines Tages möglich ist. Diesen Menschen bin ich sehr, sehr dankbar. Vor 20, 30 Jahren wäre das nicht denkbar gewesen. Es kann auch nicht das Ende meiner Unterdrückung sein, solange die anderen unterdrückt werden. Das Ende der Unterdrückung darf nichts Individuelles sein, sondern muss immer etwas Kollektives bleiben – solange, bis es vorbei ist.

Was ist die größte Wirkung, die du dir mit dem Buch wünschst?

Ich will Menschen emotional bewegen. Ich will, dass Menschen Unterdrückung spüren. Ich will nicht, dass sie trocken darüber sprechen. Gefühle verbinden. Und wenn ich geschafft habe, Menschen zu berühren und zu bewegen, werde ich glücklich sein.

Stichwort Berührung: du als Person, das Center for Intersectional Justice, dein Buch – wie hängt all das miteinander zusammen?

Mit CIJ hatte und habe ich den Anspruch, Debatten über Diskriminierung zu lenken. Klar zu machen, dass Diskriminierung kein individuelles, sondern ein systemisches Phänomen ist. Mit dem Buch kann ich nun viel, viel tiefer gehen. Genauer werden. CIJ ist eine Etappe für mich. Die Organisation ist eine Institution mit einem eigenen Innenleben – ich werde wahrscheinlich auch nicht ewig Geschäftsführerin sein, sondern irgendwann eine andere Rolle einnehmen. Autorin des Buches werde ich jedoch immer bleiben.

»Why We Matter – Das Ende der Unterdrückung«, Aufbau Verlag, 397 Seiten, 22 Euro