»Inklusives Wohnen soll
selbstverständlich werden«

Autor:in: Jana Gioia Baurmann

Bild: Daniela Buchholz

»Inklusives Wohnen soll
selbstverständlich werden«

2016 startete Tobias Polsfuß, damals noch Student, die Webseite wohnsinn.org, eine Plattform, die über inklusive Wohngemeinschaften informierte. Vier Jahre später ist aus dem Ehrenamt ein Sozialunternehmen geworden, das inklusives Wohnen in Deutschland vorantreiben will.

Ashoka: Seit siebeneinhalb Jahren wohnst du selbst in einer inklusiven Wohngemeinschaft. Wie kam es dazu?

Tobias Polsfuß: Als ich in München zu studieren begann, habe ich – wie jeder Studierende – ein WG-Zimmer gesucht. Durch den Tipp einer Freundin meiner Schwester bin ich auf einen Verein gestoßen, der WGs organisiert, in denen Menschen mit und ohne Behinderung zusammenleben. Dorthin habe ich eine Initiativbewerbung geschickt. Zufällig war in der WG, in der ich jetzt wohne, gerade ein Zimmer frei und sie luden mich zum Casting ein. Seitdem lebe ich dort.

Statt Miete zu zahlen unterstützt du deine Mitbewohner:innen. Wie funktioniert das?

Es gibt feste Dienste: mal morgens, mal abends, mal in Bereitschaft. Und ein komplettes Wochenende im Monat. Dann kümmere ich mich, gemeinsam mit einer Fachkraft, um eine:n meiner behinderten Mitbewohner:innen. Zum Beispiel kochen wir gemeinsam das Abendessen oder ich helfe beim Duschen und Zähneputzen. Je nachdem, was gerade ansteht. Am Wochenende hängen wir auch mal zusammen rum, ganz ohne eingetragenen Dienst.

Wohnraum in München ist teuer: Wer in eine WG zieht, zahlt durchschnittlich 650 Euro für das Zimmer. Wie haben Kommiliton:innen reagiert, wenn du denen erzählt hast, dass du keine Miete zahlst?

Ach, da gab es schon lustige Momente. Wenn jemand in einer Vorstellungsrunde meinte, dass er 500 Euro für 10 Quadratmeter zahle – und ich dann sagen konnte, dass ich für null Euro auf 250 Quadratmeter lebe. Für inklusive Wohnformen ist der ökonomische Anreiz schon ein sehr wichtiger Aspekt. In München etwa bekommt man so eine inklusive WG sehr viel schneller voll als auf dem Land. Deswegen setzen wir uns dafür ein, dass es mehr verschiedene inklusive Wohnformen gibt.

Was meinst du damit?

Wir sprechen inzwischen nicht mehr von inklusiven Wohngemeinschaften, sondern von inklusiven Wohnformen. Weil es auch eine Nachbarschaft sein kann, die sich findet. Oder Familien, die zusammenleben. In der Nähe von München startet bald die erste Haus- und Hofgemeinschaft, wo Inklusion von Anfang an mitgedacht ist. Ziel unseres Vereins ist es nicht, und das passt ja auch zu Ashoka, WGs zu eröffnen – das haben wir noch nie gemacht und werden es auch nicht tun. Systemisch gedacht soll es selbstverständlich werden, inklusives Wohnen umzusetzen. Selbstbestimmtes Wohnen ist ein Menschenrecht, egal ob jemand im Alltag Unterstützung benötigt oder nicht.

Als die Webseite 2016 online ging, war das Presseecho groß – und alle wollten natürlich sehen, wie du lebst. Gab es einen Punkt, an dem deine Mitbewohner:innen gesagt haben: Das ist schon toll, was du da machst, Tobias, aber wir brauchen auch unsere Privatsphäre?

Von Anfang an war mir wichtig, dass ich nicht allzu sehr im Fokus stehe, denn es geht ja nicht um mich, sondern um das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung. Deswegen sollten auch meine Mitbewohner:innen zu Wort kommen. Wir haben nie offen darüber gesprochen, dass es irgendwann zu viel wurde, aber ich habe es ziemlich schnell gespürt. Und es ging ja auch um meine Privatsphäre. Dass so viele Medien über uns berichtet haben, war super cool. Man muss aber auch sagen, dass es vom Storytelling her eine Geschichte war, die sich einfach gut verkaufen ließ: Ein junger Mensch zieht in eine inklusive WG, merkt: ‚Hey, davon braucht es mehr!’ und gründet eine Online-Plattform. Rückblickend würde ich sagen, dass wir zwar das Pressepotenzial voll ausgeschöpft hatten, nicht aber das Wirkungspotenzial.

Wann hat sich das geändert?

Auf der Webseite konnte man sich darüber informieren, wie es ist, in einer inklusiven WG zu wohnen, in welcher WG gerade ein Platz frei war und wie man selbst eine gründen kann. Als die Seite online ging, wurde mit einem Mal der Bedarf deutlich. Viele Leute meldeten sich bei mir, fragten: Wann ist der nächste Platz frei? Wo kann man sich anmelden? Ich stieß auf Begeisterung, auf Frustration, auf Leid. Weil Menschen gerne anders leben würden, aber nicht können. Ich musste oft entgegnen, dass Wohn:sinn nur ein ehrenamtliches Projekt von mir ist, einem Studenten. Schnell merkte ich, dass sich das ändern muss. Durch ein Praktikum bei einer Social Entrepreneurship-Agentur wusste ich, dass es so etwas wie Sozialunternehmertum gibt.

Wie ging es dann weiter?

Im Rahmen eines Förderprogramms der Stiftung Bürgermut habe ich einen Gründungsleitfaden geschrieben. Gleichzeitig bin ich durch Deutschland gefahren und habe inklusive Wohnprojekte besucht. 2018 habe ich mich dann mit zwölf anderen Personen und Organisationen zusammengeschlossen und WOHN:SINN – Bündnis für inklusives Wohnen als gemeinnützigen Verein gegründet. Dadurch war es auch möglich, von der Aktion Mensch Stiftung gefördert zu werden.

Du hast ja bereits gesagt, dass ihr keine WGs gründet. Was ist Kern eurer Arbeit?

Als Bündnis haben wir viel Erfahrung mit erfolgreich umgesetzten inklusiven Wohnprojekten – dieses Wissen wollen wir weitergeben. Andere Initiativen, ob nun privat oder professionell, wollen wir dabei unterstützen, ein eigenes inklusives Wohnprojekt zu realisieren. Außerdem soll die Webseite im kommenden Jahr so etwas wie eine digitale Lernplattform werden.