Mehr als
nur Geschichte

Illustration von Sarah Hüttenberend

Autor*in: Julia Kloiber

Bild: Laura Breiling

Mehr als
nur Geschichte

Der Holocaust – für die meisten sind das Zahlen und Fakten. Mit Heimatsucher e.V. will Sarah Hüttenberend erreichen, dass die vielen persönlichen Geschichten, die hinter diesen Zahlen stecken, nicht in Vergessenheit geraten. Gemeinsam mit ihrem Team leistet sie wichtige Präventionsarbeit und motiviert Schüler*innen dazu, selbst aktiv zu werden.

Ashoka: Sarah, wann hast du zum ersten Mal verstanden, was der Holocaust ist und was er immer noch bedeutet?

Sarah: Das war 2011 im Gespräch mit der Zeitzeugin Frieda Kliger in Israel. Zu Frieda habe ich eine ganz besondere Verbindung gespürt. Diese Verbindung hat mich Geschichte nochmal ganz neu verstehen und fühlen lassen. Durch dieses Gespräch konnte ich die Dimension des Schmerzes, der Ausgrenzung und des gesamten Themas viel besser verstehen.

Was war für dich der große Unterschied zwischen dem Gespräch und dem, was du in der Schule über das Thema gelernt hast?

In der Schule war der Holocaust ein Thema im Geschichtsunterricht, dadurch hatte ich automatisch eine große Distanz dazu. Es gab keine Brücke zu meiner Lebensrealität und dadurch wurden mir die Größe, die Tragweite und die Bedeutung dessen, was im Holocaust passiert ist, nicht richtig bewusst. Das, was geschehen ist, wird vor allem über Zahlen, Fakten und Prozesse vermittelt. Die vielen persönlichen Geschichten, die dahinterstecken, sind im Unterricht für mich nicht rübergekommen. Viele Menschen, die Zeitzeug*innen treffen, begreifen das Passierte nochmals ganz neu.

Wie kamst du auf die Idee, JugenBei Heimatsucher arbeitet ihr mit sogenannten Zweitzeug*innen. Was steckt hinter diesem Begriff?dliche durch Sport zu unterstützen? 

In unserem Konzept sind es nicht die Zeitzeuginnen selbst, die ihre Geschichten in die Schulen bringen, sondern Zweitzeuginnen. Das sind Menschen, die sich intensiv mit den Erzählungen eines Zeitzeugen oder einer Zeitzeugin auseinandergesetzt haben. Zweitzeuginnen gehen anstelle der Zeitzeugen in die Bildungseinrichtungen und erzählen stellvertretend deren Lebensgeschichten. Dieser Ansatz funktioniert auch in einer Zeit, in der Zeitzeuginnen – aufgrund ihres inzwischen hohen Alters – nicht mehr selbst öffentlich auftreten können.

Seit vielen Jahren seid ihr regelmäßig an Schulen und sprecht mit Schülerinnen und Schülern. Wie reagieren die, wenn ihr die Geschichten von Überlebenden erzählt?

Es ist ein ganzer Blumenstrauß an Emotionen, der einem da entgegenkommt. Manche sind wütend und sauer – vollkommen verständlich, denn es ist schwer nachvollziehbar, dass so etwas passiert ist. Andere sind traurig, weil sie den Schmerz der Überlebenden spüren. Viele sind auch ermutigt oder beeindruckt, weil wir auch von der Zeit nach 1945 erzählen, darüber, wie es mit den Überlebenden weitergegangen ist. Das sind unglaublich starke Geschichte von starken Menschen, die als Vorbilder fungieren.

Heimatsucher ist als Studentenprojekt gestartet. Wann hast du erkannt, dass das ein größeres Projekt wird?

Heimatsucher war relativ lange ein Studenten- und Freundesprojekt. Am Anfang sind Freund*innen und Verwandte mit eingestiegen und haben schnell gemerkt, was für eine Kraft in den Geschichten steckt. Unter ihnen auch zwei, die heute noch mit im Vorstand sind – also eigentlich meine Mitgründerinnen: Katharina Müller-Spirawski und Anna Damm. Eine andere Mitwirkende erkannte ziemlich früh: »Das Konzept muss auf eine größere Bühne! Ihr könnte das jetzt nicht einfach wieder in der Schublade verschwinden lassen.« Und so war es dann auch.

Was sind politische Forderungen, in Bezug auf eure Arbeit?

Ein Punkt ist, dass in der Förderung grundsätzlich zwischen Erinnerungs- und Bildungspolitik unterschieden wird. Das sind zwei verschiedene Anlaufstellen. In unseren Konzepten geht es darum, dass man aus Geschichte lernt. Wir arbeiten interdisziplinär und bringen beide Seiten zusammen – das passt nicht in solch starre Förderstrukturen.

Was ermöglicht dir die Ashoka-Fellowship und was erhoffst du dir vom Netzwerk?

Zum Beispiel die Zeit finden, sich zu fragen: Was von dem, was wir haben, kann noch wirksamer eingesetzt werden? Da hilft Feedback aus dem Netzwerk ungemein. Ich möchte auch nochmals betonen, dass ich zwar die Fellow bin, das Projekt jedoch nur als Team möglich ist. Worauf ich mich ganz besonders freue: Meinem Team die Möglichkeiten des Ashoka-Netzwerks zu zeigen – seien es die vielen Beratungsmöglichkeiten oder andere Arten von Unterstützung.

HEIMATSUCHER e.V.
Ursprünglich 2010 als studentische Initiative gegründet, ist Heimatsucher seit 2014 ein eingetragener Verein. Mittlerweile arbeiten mehr als 100 Ehrenamtliche für den Verein, mehr als 197 sind offizielle Mitglieder*innen. Heimatsucher e.V. wurde bereits vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2016 mit dem startsocial-Sonderpreis. In ihrer Laudatio sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel: »Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft, das hat uns Wilhelm von Humboldt vor langer Zeit mit auf den Weg gegeben. Diese Erkenntnis von – wie ich glaube – zeitloser Gültigkeit beherzigt heute ein noch junger, aber beeindruckender Verein.«