»Meine Arbeit ist politisch«

Autor:in: Jana Gioia Baurmann

»Meine Arbeit ist politisch«

Lisette Reuter befindet sich gerade »im absoluten Wahnsinn« wie sie am Telefon sagt. Sie sitzt in vielen, vielen Zoom-Konferenzen, arbeitet – unter anderem – als Mentorin für ein Projekt in der Ukraine und berät – auch unter anderem – das Kölner Kulturamt in Sachen Inklusion. Zwei große EU-Projekte müssen abgeschlossen werden und dann ist da ja auch schon das kommende Jahr: Was lässt sich umsetzen, trotz Corona? Man merkt schnell: Lisette Reuter ist umtriebig. Und auch: Sie weiß, was sie will.

Ashoka: Im vergangenen Jahr wurdest du mit dem Förderpreis InTakt ausgezeichnet. Die Laudatorin sagte über dich: »Ich weiß ja nicht, wie das in Ihrem Leben angefangen hat mit den Künsten und der Diversität, darüber können ja nur Sie selbst Auskunft geben.« Magst du mal erzählen?

Lisette Reuter: Ich bin in einem künstlerischen und sehr kreativen Umfeld groß geworden. Mein Vater ist Theaterpädagoge, 1984 gründete er ein Festival für Menschen mit Behinderung. Festival hört sich sehr professionell an, aber das war es gar nicht. Es sollte vielmehr eine Plattform sein, für Laien, Kulturschaffende, Schüler:innen. Die Arbeit meines Vaters hat mich sehr geprägt, ganz klar.

Wie entstand Un-Label?

Vor Un-Label habe ich für einen Kölner Verein sieben Jahre lang Kulturprojekte gemanagt, auch auf europäischer Ebene. Dabei merkte ich, dass viele der Projekte auf EU-Ebene nicht zugänglich sind für Künstler:innen mit Behinderung. Obwohl ich den Job mit sehr viel Herzblut gemacht habe, entschied ich, mich selbstständig zu machen. Ich spann Ideen und beantragte Projektgelder und so kam der Stein ins Rollen. Und schon ganz zu Beginn meiner Arbeit wurde mir – besonders von den Kulturschaffenden mit Behinderung – zurückgespiegelt, dass die Methodik und das Netzwerk, das ich aufgebaut habe, im Gegensatz zu vielen anderen Projekten wirklich inklusiv ausgerichtet ist. 

Wie kommt es, dass du von Anfang an das große Ganze im Blick hattest?

Wie wichtig Netzwerke sind, habe ich früh gemerkt. Und auch, dass alle Systeme zusammenhängen. Die internationale Arbeit in dem Kölner Verein hat mir das gezeigt. Man muss alles zusammen denken, sonst ändert sich nichts. Ich wollte eine Plattform für Kulturschaffende bilden, die aber auch politisch denkt. Und wir haben von Anfang an Wissenschaft miteingebunden. Bisher haben alle Projekte von Un-Label auch einen universitären Bezug: Studierende schreiben Bachelor- oder Masterarbeiten über uns, Wissenschafler:innen werden als Expert:innen involviert, Daten erhoben und die Projekte evaluiert. Wir brauchen leider nach wie vor solche wissenschaftlichen Belege, die wir Politiker:innen vorlegen können – als Grundlage, dass sich dann auch etwas im größeren System ändert. Erst wenn sich unser System ändert kann Inklusion anders gedacht und umgesetzt werden.

Wie viel Politik steckt in deiner Arbeit?

Wahnsinnig viel. Meine Arbeit ist politisch. Politisch wirken zu können ist mir auch wichtiger als große Produktionen zu produzieren und umzusetzen. Das mag einige überraschen. Aber: Mit den Produktionen will ich zeigen, dass Inklusion funktioniert – nicht nur um der Kunst Willen, die meiner Meinung nach durch die Diversität die Inklusion mit sich bringt bereichert wird, sondern auch aus einer politischen Perspektive heraus. Unsere Produktionen sind deswegen so zu sagen auch Mittel zum Zweck. Die Arbeit von Un-Label ruht auf drei Säulen: Wir produzieren selbst, dann gibt es das nationale und internationale Netzwerk, in dem wir Akteur:innen in ihrer Arbeit bestärken, vernetzen (oder zusammenbringen) und sie beraten. Und schließlich ist da die politische Ebene.

Inklusion stand beziehungsweise steht vor allem ein Bildungskontext – warum tut sich Kultur da so schwer?

Weil bei vielen Akteur:innen und der Politik noch nicht angekommen ist, dass der Kulturbereich der beste Nährboden ist, um zu zeigen, dass Inklusion möglich ist. Und weil sie sich der Verantwortung, die Kultur hat, nicht bewusst sind und vielleicht auch einfach nicht wissen, wo anzufangen ist. Kulturelle Teilhabe ist ein Menschenrecht und spielt eine fundamentale Rolle in unseren demokratischen Gesellschaften und dem Miteinander in unserer Gesellschaft. Es braucht aber andere Förder- und Ausbildungssysteme. Die Ansätze von Barrierefreiheit müssen flächendeckend umgesetzt werden.

Wie definierst du für dich den Kulturbegriff?

Ich war schon immer der Meinung: Je diverser ein Kulturprojekt am Ende ist, desto interessanter ist es. Diversität auf allen Ebenen bereichert. Und wir sollten weg von dieser statischen Hochkultur. Nicht nur die Philharmonie oder ein großes Theater sind Kunst – Kultur kann überall stattfinden und sollte von  jedem erlebt und umgesetzt werden können.

Welche Veränderungen konntest du bislang anstoßen?

Zum einen merke ich, dass das Thema endlich verstärkt auf die Agenda gekommen ist bei Förderer:innen, aner auch bei anderen Akteur:innen. Die Stadt Köln beispielsweise hat ein neues Referat im Kulturamt gegründet, Diversität und Stadtentwicklung heißt es. Es wurde ein neues Förderkonzept entwickelt, in das Erfahrungen und Forderungen von Un-Label mit eingeflossen sind. Die hören mir zu. Auch auf Landesebene gibt es nun solch ein neues Referat was sich das Thema auf die Agenda gesetzt hat und was horizontal durch alle anderen Referate wirken soll. Das sind zarte Pflänzchen, die in den vergangenen Jahren gewachsen sind.

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf diese Pflänzchen aus?

Ich bin sehr besorgt, dass sie eingehen. Dass Inklusion als Thema nicht mehr so wichtig ist, weil alle im Kulturbereich nur noch damit beschäftigt sind zu überleben. Weniger Steuergelder bedeuten weniger Projektförderung. Die Auswirkungen von Corona werden wir erst ab Mitte/Ende nächsten Jahres so richtig zu spüren bekommen. Da kommt, glaube ich, noch ein großer Hammer auf uns zu.