Reden statt
rätseln

Illustration von Lisanne Knopp

Autor*in: Julia Kloiber

Bild: Laura Breiling

Reden statt
rätseln

Lisanne Knop arbeitet mit ihrem Team daran, dass im Krankenhausalltag keine Missverständnisse aufkommen. Ihr Service Triaphon ermöglicht Patient*innen und Ärzt*innen auf Augenhöhe zu
kommunizieren, selbst wenn sie nicht dieselbe Sprache sprechen.

Ashoka: Lisanne, dass eine Ärztin nebenbei ein eigenes Unternehmen aufbaut, ist nicht die Regel. Warum kamst du auf die Idee, Triaphon zu gründen?

Lisanne: Die Idee entstand in meinem Berufsalltag in einer Kinderklinik. Als Ärztin begegnete ich immer wieder Patient*innen beziehungsweise deren Eltern, die kein Deutsch sprachen und mit denen ich mich nicht verständigen konnte. Das kann doch nicht sein, dachte ich damals. Meinem Kollegen Korbinian Fischer erging es ähnlich. Also beschlossen wir, Triaphon zu gründen – eine telefonische Sprachvermittlung für Kliniken.

Für welche Situationen im Praxisalltag habt ihr euren Service entwickelt?

Triaphon wurde von uns vor allem für die vielen kleinen Situationen im Klinikalltag entwickelt, bei denen kein Vor-Ort-Dolmetscherinnen zur Stelle ist. Situationen, in denen es wegen Sprachbarrieren häufig zu Fehlern oder Missverständnissen kommt. Es ist uns wichtig, dass jede Sprache auf Knopfdruck rund um die Uhr erreichbar ist. Wir kennen den unglaublich angespannten Klinikalltag und wissen: Wenn beim ersten Mal niemand abhebt, dann wird nicht unbedingt nochmal angerufen. Als Arzt oder Ärztin wünscht man sich einen Umgang mit Patientinnen auf Augenhöhe – eine solche Kommunikation ermöglichen wir. Von den Kliniken, mit denen wir zusammenarbeiten, wissen wir, dass es einen großen Bedarf für unsere Lösung gibt.

Kannst du beschreiben, wie in Sprechzimmern mitunter kommuniziert wird, wenn es so etwas wie Triaphon nicht gibt?

Das ist ganz unterschiedlich. Im schlimmsten Fall wird mit Händen und Füßen kommuniziert – so versucht man dann weiterzukommen. Diese Art zu kommunizieren ist natürlich extrem fehleranfällig. Es gibt aber auch Hilfen wie Piktogramme oder Angehörige, die übersetzen. Manchmal sind es auch Kinder. Oft geht es allerdings um intime Informationen der Patient*innen – in solchen Fällen ist es problematisch, wenn Angehörige als Dolmetschende herangezogen werden. In den letzten Jahren haben außerdem Gewaltsituationen in den Notaufnahmen zugenommen. Laut einer Studie gehen mehr als ein Drittel dieser Konflikte auf Verständigungsprobleme zurück.

Du hast gesagt, dass die Idee aus deinem Berufsalltag heraus entstand. Kannst du von einer Situation berichten, in der Verständigung einen wesentlichen Unterschied gemacht hat?

Einmal sollte ein kleines Kind sediert werden, damit es während einer schmerzhaften Untersuchung schläft. Davor vergewissert man sich durch Nachfragen immer, ob der Patient nüchtern ist, weil das ansonsten schwerwiegende gesundheitliche Konsequenzen haben kann. In diesem Fall haben mir die Schwestern gesagt, dass die Mutter nur Vietnamesisch spricht, man sie im Vorfeld aber informiert habe. Um sicherzugehen, habe ich bei Triaphon angerufen und es hat sich herausgestellt, dass die Mutter das Kind gerade noch gestillt hatte. In diesem Fall ging es um einen geplanten Eingriff, der sich leicht verschieben lässt. Hätte ich dieses Gespräch, das letztlich nur eine Minute gedauert hat und wofür man keinen Vor-Ort-Dolmetscher bestellt hätte, nicht geführt, wäre das Kind in enormer Gefahr gewesen.

Warum habt ihr euch dazu entschieden, Triaphon als gemeinnützige Organisation mit Ehrenamtlichen aufzuziehen?

Wir sehen die Privatisierung und die Profitoptimierung im Gesundheitswesen sehr kritisch. Als Ärzte und Ärztinnen haben wir immer wieder erlebt, was für problematische Folgen die Ökonomisierung des Gesundheitswesens mit sich bringt: Immer häufiger gleicht die medizinische Arbeit einer Fließbandversorgung. Dazu passt, dass man bei den fünf Prozent der Bevölkerung, die kein Deutsch sprechen, einfach die Kommunikation weglässt. Der Mensch rückt aus dem Zentrum der Versorgung – diesem Trend wollen wir entgegensteuern. Unser langfristiges Ziel ist eine Mischung aus Ehrenamtlichen und Sprachmittler*innen, die dafür bezahlt werden.

Welche Unterstützung erhoffst du dir von Ashoka?

Als Korbinian und ich Triaphon gegründet haben, habe ich meine Stundenzahl in der Klinik immer weiter heruntergestuft, bis ich mich schließlich voll und ganz dem Projekt gewidmet habe. Das Ashoka-Stipendium ermöglicht es mir, mich weiter hauptberuflich auf die Arbeit an Triaphon konzentrieren zu können.

TRIAPHON
Als ärztliches und pflegerisches Personal ruft man eine Nummer an und wählt die gewünschte Sprache aus. Aktuell kann man bei Triaphon zwischen Arabisch, Persisch, Vietnamesisch, Russisch, Rumänisch, Türkisch und Polnisch wählen. Ist die Sprache bestimmt, klingelt das Telefon bei einem/einer der 140 ehrenamtlichen Sprachmittlerinnen. Alle angebotenen Sprachen sind rund um die Uhr mit zwei Personen besetzt. Permanent erreichbar zu sein, ist Knop und ihren Kolleginnen sehr wichtig. Sie kennen den angespannten Klinikalltag und wissen: Wenn beim ersten Mal niemand abhebt, dann wird nicht unbedingt nochmal angerufen. Ist ein/e Sprachmittler*in dann am Telefon, wird in der Regel über Lautsprecher übersetzt.