In Hasen und Füchsen denken

Foto von Odin Mühlenbein

Autor*in: Jana Gioia Baurmann

In Hasen und Füchsen denken

Bei Ashoka hört und liest man viel von systemischem Wandel. Ashoka Deutschland setze sich unermüdlich für systemische Veränderungen der Gesellschaft ein, ist so ein typischer Satz. Wer nicht Teil der Ashoka-Welt ist, fragt sich dann meist: Systemischer Wandel, was ist das eigentlich? Ein Gespräch mit Ashoka-Partner Odin Mühlenbein zu der Frage nach einer Definition und über die Vorteile, die Welt als dynamisches System zu verstehen.

Ashoka: Bei dem Begriff systemischer Wandel denken viele an Dinge wie die Systemtheorie des Soziologen Niklas Luhmann, systemisches Coaching vielleicht, oder auch an Politik. Kannst du, in wenigen Worten, sagen, was Systemwandel bedeutet?

Odin: Natürlich gibt es Definitionen, aber ich habe festgestellt, dass man damit nicht weiterkommt. Man muss zuerst eine Idee davon haben, um was es geht, und das funktioniert besser mit Beispielen.

Welche denn?

Nehmen wir Liisa Smits, die Ignitia gegründet hat. Smits hat meteorologische Modelle entwickelt, mit denen sich das Wetter in der Äquatorzone besser vorhersagen lässt. Die Modelle, die in Europa und Amerika gut funktionieren, liefern in vielen Ländern Afrikas leider nur sehr schlechte Ergebnisse. Um die Äquatorregion hat sich bisher noch niemand so recht gekümmert, auch weil es sich finanziell nicht gelohnt hat.

Was macht Liisa Smits mit den Modellen?

Die Wettervorhersage wird – per SMS und in einer Form, die auch Analphabeten verstehen – an die Kleinbauern verschickt. Bauern, die Smits’ Informationen bekommen, können ihre Ernte zwischen 30 und 70 Prozent steigern. Ich weiß noch, wie überrascht ich von diesen hohen Zahlen war. Wie geht das?, dachte ich. Aber wenn man Pflanzen setzt, muss an dem Tag und an den kommenden Tagen das Wetter stimmen – sonst gehen die Pflanzen ein oder die Bauern, die bei der Saat helfen sollten, arbeiten erst gar nicht. Und das ist nur ein Beispiel, welchen Einfluss das Wetter haben kann. Studien legen nahe, dass hunderte Millionen Kleinbauern aus extremer Armut kommen könnten, wenn man Smits’ Modelle flächendeckend zur Verfügung stellt. Dafür muss in vielen Ländern oder in internationalen Koalitionen die meteorologische Infrastruktur verbessert werden.

Du bist seit gut fünf Jahren bei Ashoka. Wann hast du zum ersten Mal von Systemwandel gehört? 

Richtig beschäftigt habe ich mich damit nach zwei Jahren bei Ashoka. Ich hatte einen Prozess entwickelt, der die Ideen von Fellows verbreiten sollte. Als ich fertig war, musste ich feststellen: Das ist schön und gut, aber selbst wenn der Prozess funktioniert, hilft er den Fellows nicht gezielt dabei, ihre systemischen Ziele zu erreichen. Und dafür haben wir sie ja ausgewählt. Aus der Frustration heraus habe ich mir dann Systemwandel genauer angeschaut.

Wie bist du vorgegangen?

Mir geht es vor allem um eine andere Art auf die Welt zu blicken. Wir denken oft linear: wenn A dann B. Oder: A plus B gleich C. Ein armer Mensch bekommt Geld und ist folglich nicht mehr arm. Ein Kind, das schlechte Noten schreibt, bekommt ein bisschen Nachhilfe und schafft den Schulabschluss. Wir rennen immer sofort zum Problem – von diesem Impuls müssen wir weg. Zum Glück gibt es bereits Ansätze, wie wir besser mit komplexeren Zusammenhängen umgehen können. Diese Ansätze kommen nicht aus dem Bereich soziales Unternehmertum, sondern aus den Ingenieurswissenschaften, der Ökologie und dann auch aus neuen Feldern wie System Dynamics. Wenn man sich zum Beispiel fragt, wie sich die Population von Hasen und Füchsen entwickelt, kann man nicht einfach A und B zusammenschmeißen – die Beziehung ist sehr dynamisch. Diese Ansätze habe ich mir genauer angesehen.

Und das lässt sich auf die ganze Welt und ihre Probleme anwenden?

Ja. Denn solche Formen von Beziehungen gibt es nicht nur zwischen Hasen und Füchsen. Der Wald und seine Tiere sind ein System, aber auch Dörfer und ihre Familien, Verwaltungen, Schulen – oder das Gesundheitssystem mit seinen Ärzt*innen, Krankenhäusern und Versicherungen. Es geht immer um Gleichgewichte, Anpassungen, Dynamiken. Die Ansätze der Ökologen wurden auf einmal populär, als es darum ging, wie wir mit unserer Weltwirtschaft weitermachen sollen und auf welcher Erde wir eigentlich leben möchten. »Kein unendliches Wachstum bei endlichen Ressourcen« ist hier eine zentrale Erkenntnis, aber es gibt auch viele weitere.

Gibt es ein Kernsystem, von dem man dabei ausgeht?

Ein wichtiger Aspekt von Systemen ist, dass sie ineinander verschachtelt sind. Das Zusammenspiel zwischen Hasen und Füchsen ist Teil vom Ökosystem Wald, und der Wald ist Teil vom weltweiten Kreislauf von Kohlendioxid. Wenn man die systemische Brille aufsetzt, muss man sich daher genau überlegen, welchen Ausschnitt der Realität man damit anschauen möchte. Die Frage ist dabei weniger »Welcher Ausschnitt ist richtig?«, sondern eher »Welcher Ausschnitt ist hilfreich?«

Was heißt das übertragen auf die Auswahl der Fellows?

Ashoka sucht Sozialunternehmer*innen, die versuchen, die Ursache eines Problems anzugehen. Nicht unbedingt auf globaler Ebene, aber im Idealfall auch nicht nur in einer Nachbarschaft. Nicht unbedingt die komplette Neu-Gestaltung des Systems, aber auch kein irrelevantes Detail. Das kann beispielsweise Peer Learning als neue pädagogische Praxis im Bildungssystem in Deutschland sein. Oder das Einbeziehen von Bürgern im Wasserversorgungssystem in Mexiko. Allgemein gesagt: Eine soziale Funktion kann auf nationaler Ebene ein bisschen besser erfüllt werden. Man kann auch weiter unten ansetzen. Dann will man zum Beispiel nicht das Bildungssystem in Deutschland verändern, sondern die Lehrer*innenausbildung in Nordrhein-Westfalen. Viel kleiner sollte es bei Ashoka-Fellows allerdings nicht sein.

Sind sich Fellow-Kandidat*innen darüber bewusst, welches System sie verändern möchten und können? Oder musst du ihnen mit deiner Außenperspektive helfen?

Man kann sehr systemisch handeln, ohne Vorkenntnisse in Systemwandel zu haben. Erst recht muss man dafür keine System-Diagramme malen oder Computersimulationen programmieren. Als Sozialunternehmer*in braucht man nur die Fähigkeit, über systemische Zusammenhänge nachzudenken. Wenn wir mit einer Kandidatin über die Interaktionen zwischen Schulen und Jugendämtern sprechen, ist das ja eine Diskussion auf systemischer Ebene. Dafür müssen nicht so technische Begriffe fallen wie »Informationsfluss« oder »Feedback-Schleife«. Wir bei Ashoka müssen dann halt Übersetzungsarbeit leisten.

Was meinst du mit Übersetzungsarbeit?

Ein Fellow hat mir vor Kurzem etwas über die ländlichen Gesundheitssysteme in Indien erzählt. Ich übersetze das dann für mich in »Systemsprache« und stelle fest: Aha, das ist doch ein bekanntes Muster. Die Akteure schieben sich gegenseitigdie Schuld zu. Von diesem Abhängigkeitsverhältnis wissen wir, dass es durch oberflächliche Verbesserungen langfristig eher schlimmer wird. Jetzt weiß ich, was ich als nächstes fragen könnte – stelle meine Frage aber wieder in der Sprache, die der Fellow spricht. Also nicht: »Wie stark, glaubst du, ist der Rückkopplungsfaktor in dieser Feedbackschleife?«, sondern »Könntest du noch ein bisschen mehr dazu sagen, wie sich das Verhältnis zwischen der Lokalregierung und den privaten Krankenhäusern in den letzten zehn Jahren entwickelt hat?« Im Idealfall können wir so die Erkenntnisse der Systemwissenschaften nutzen, ohne dass Fellows und Kandidat*innen etwas davon merken.

Warum bist du noch immer vom Systemwandel überzeugt?

Weil ich bislang noch nie gesehen habe, dass die Alternative funktioniert hat. Man zeige mir ein einziges Programm, das die Symptome eines Problems behandelt und dadurch ein soziales Problem dauerhaft gelöst hat Es hat ja einen Grund, weshalb immer wieder Menschen obdachlos werden oder es nicht aus der Armut herausschaffen. Indem ich diesen Menschen helfe, habe ich noch nicht die Ursache adressiert, also den Zufluss an neuen Problemen gestoppt. Der zweite Grund ist, dass die systemische Brille für unsere Welt einfach angemessener ist. Wenn ich unsere Gesellschaften und sozialen Problem mit der Formel »A + B = C« verstehen will, komme ich nicht weiter. Ich muss in Hasen und Füchsen denken, in all den Dynamiken, die im Wald und eben auch unter Menschen und unseren sozialen Institutionen herrschen.

Worin siehst du den Vorteil, wenn Sozialunternehmer*innen systemisch wirken?

Wenn wir Herausforderungen wie Chancenungerechtigkeit, Klimawandel und Digitalisierung meistern wollen, können wir nicht nur an der Oberfläche herumdoktern. Wir müssen die Industriestandards verändern, die Lehrpläne, Informationsflüsse, Gesetze, Machtverhältnisse und letztlich auch die Werte, nach denen wir unsere Gesellschaft gestalten. Wenn Sozialunternehmer*innen systemisch arbeiten, können sie dazu einen großen Beitrag leisten. Ashokas Aufgabe besteht darin, ihnen dabei zu helfen.