»Theorien nutzen,
um unsere Welt zu verändern«

Autor:in: Jana Gioia Baurmann

»Theorien nutzen,
um unsere Welt zu verändern«

Für viele ist Intersektionalität nur ein theoretischer Begriff – Emilia Roigs Ziel ist es, das zu ändern. Mit dem Center for Intersectional Justice, kurz CIJ, will sie die Art und Weise, wie Diskriminierung in den europäischen Gesellschaften verstanden und angegangen wird, verändern. Emilia Roig ist eine der drei neuen Ashoka-Fellows.

Ashoka: 2017 hast du das ‚Centre for Intersectional Justice’ gegründet, kurz CIJ. Zum Verständnis: Was ist denn Intersektionalität?

Emilia Roig: Intersektionalität ist ein theoretischer Begriff, der die Überschneidung und Verschränkung von unterschiedlichen Unterdrückungsformen beschreibt. Das heißt, dass Diskriminierung und soziale Ungleichheit nicht nur auf einer Achse stattfinden – Gender, Hautfarbe, Religion und so weiter stehen nicht isoliert für sich. Bei Intersektionalität geht es darum, Diskriminierung innerhalb von Diskriminierung zu bekämpfen, Ungleichheiten innerhalb von Ungleichheiten sichtbar zu machen und Minderheiten innerhalb von Minderheiten zu stärken und ebenfalls sichtbar zu machen. Es ist mehr als nur eine Theorie, es ist eine Bewegung, ein politisches Projekt.

Das klingt noch immer sehr theoretisch. Hast du ein praktisches Beispiel?

Nehmen wir doch die feministische Bewegung. In ihr sind vor allem die Stimmen, Bedürfnisse und Interessen der sogenannten Mehrheitsfrau vertreten, also die Frau, die hierzulande die politische, kulturelle und wirtschaftliche Macht hat. Heißt: Die weiße, heterosexuelle, aus der Mittelschicht stammende Frau. Aus Perspektive der Intersektionalität geht es darum, andere Frauen innerhalb der Kategorie Frau sichtbar zu machen. Dass sie gehört werden und die feministische Bewegung genauso repräsentieren können. Wenn eine weiße heterosexuelle Mittelschichtsfrau für Feminismus steht, sollte das auch für eine schwarze Trans-Frau im Rollstuhl gelten.  

Wie kam es dazu, dass du die Organisation gegründet hast?

Bevor ich CIJ gegründet habe, arbeitete ich anderthalb Jahre lang für die GIZ in Kambodscha. Ich war bei Amnesty International in Deutschland und für die UN in Tansania. Überall war ich frustriert, weil ich nicht sah, wie sich Veränderungen vorantreiben lassen und koloniale Muster aufgebrochen werden können. Ich sage nicht, dass es unmöglich ist, aber ich habe meine Rolle dort nicht gesehen. Anschließend habe ich promoviert. Diese Zeit war sehr wichtig für mich, weil ich währenddessen politisch erwacht bin. Ich habe Theorien wie Intersektionalität und postkoloniale Theorie entdeckt, von denen ich bis dato kaum eine Ahnung hatte. Ich merkte jedoch auch, dass diese Theorien fernab von Gesellschaft und Politik stehen. Da kam mir die Idee, CIJ zu gründen: Die Theorien nutzen, weil sie hilfreich und subversiv sind, um unsere Welt zu verändern. Und mit politischen Akteur:innen in den Austausch treten, damit Probleme nicht nur vereinfacht dargestellt und die Lösungen holistischer und somit effektiver werden.

Wie genau sieht eure Arbeit aus?

Das CIJ basiert auf drei Säulen. Advocacy, Forschung und Bildungsarbeit. Im Advocacy-Bereich versuchen wir, politischen Diskurs und politische Entscheidungen zu beeinflussen – nicht nur in Deutschland, sondern auch auf europäischer Ebene. Wir sprechen mit Entscheidungsträger:innen und verändern den Diskurs durch Vorträge, Panelgespräche und Publikationen. Im Bereich Forschung führen wir Studien im Auftrag von Partnerorganisationen durch. Im Bereich Weiterbildung bieten wir Workshops für private, öffentliche und zivilgesellschaftliche Institutionen an. Das Ziel ist, Unterdrückungs- und diskriminierungsfreie Strukturen durch Inklusion, Vielfalt und Gleichheit zu fördern.

Das deutsche Ashoka-Team hat solch einen Workshop mit dir gemacht. Interessant fand ich die Frage, wann jede:r von uns das letzte Mal diskriminierend war. Wann warst du es?

Das passiert ständig, auch wenn ich das natürlich nicht beabsichtige. Kürzlich, auf einer Veranstaltung, sagte ich: ‚Sind wir blind oder warum sehen wir das nicht?’ Anschließend sprach mich jemand an und sagte, dass das behindertenfeindlich gewesen sei. Im ersten Moment schämte ich mich, merkte aber dann: Ja, das stimmt absolut. Seitdem bin ich aufmerksamer für Sprache. Wir haben so viel einfach verinnerlicht und verwenden Begriffe, ohne über sie nachzudenken. Ich muss auch ständig dem Rassismus, dem Sexismus und der Homophobie, die ich internalisiert habe, entgegenwirken.

Ein Begriff, über den hierzulande gerade viel diskutiert wird, ist Rasse. Sollte er, wie von manchen gefordert, aus dem Grundgesetz gestrichen werden?

Ich bin ganz klar dagegen, Rasse aus dem Grundgesetz zu streichen. Weil Rasse auf Deutsch, verständlicherweise, ein sehr unbequemer, weil besetzter Begriff ist. Wir verbinden Rasse mit dem Dritten Reich und dem Genozid. Der Begriff Rasse soll gestrichen werden, weil er zur Vergangenheit gehört. Ich aber bin überzeugt: Streicht man Rasse, blendet man auch den heutigen Rassismus aus. Zuallererst sollten wir uns mit dem Unbehagen auseinandersetzen, das ein solcher Begriff hervorruft.

Zu Unbehagen fällt mir ein, dass Kinder stets sehr direkt sind, wenn sie auf andere treffen. Dicke Bäuche werden kommentiert, ebenso ein Rollstuhl. Wie kann – oder besser: sollte – man sich denn als Eltern verhalten, wenn es um Intersektionalität geht?

Unsere erste Reaktion wäre zu sagen: Nein, nein, so etwas sagt man nicht. Wir tendieren dazu, die Differenz zu verleugnen beziehungsweise sie bloß nicht zu thematisieren. Wir sollten aber nicht die Differenz ignorieren, sondern dafür die Hierarchie thematisieren. Also dass dick weniger gut sei als dünn, weiß besser als schwarz, behindert weniger gut als nicht behindert. Wenn mein Sohn in der U-Bahn sagt: ‚Guck mal, der Mann da ist dick’, dann entgegne ich ‚Ja, der ist dick.’ Ich versuche ihm zu helfen, Unterschiede zu sehen, diese aber nicht zu werten. Damit Kinder Unterschiede wertschätzen können, müssen sie erleben, dass jede:r anders ist. Intersektionalität ist genau das: Unterschiede sehen und wertschätzen, und Hierarchien aufbrechen.

Du bist in Frankreich aufgewachsen – ein Land mit vielen Kolonien, Banlieues an den Stadtgrenzen, Konflikten, Auseinandersetzungen, … Inzwischen lebst du in Deutschland – ein Land mit NS-Vergangenheit, das jahrzehntelang ausgeblendet hat, dass es ein Einwanderungsland ist. Wie nimmst du beide Länder im Hinblick auf Intersektionalität wahr?

Was das angeht, unterscheiden sie sich kaum. Beide Länder haben ein Problem mit Rassismus. Die Deutschen tun sich aufgrund der Nazi-Vergangenheit sehr schwer, über Rassismus zu sprechen, weil die heutige Gesellschaft sich davon distanzieren will. Frankreichs Wahlspruch ist Liberté, Égalité, Fraternité – also Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Da möchte man keine Unterschiede anerkennen. In Frankreich können die koloniale Vergangenheit und auch Gegenwart nicht verleugnet werden. Die gewaltvolle Geschichte des Landes wird meiner Meinung nach nicht ausreichend aufgearbeitet. Ein Beispiel: Martinique, woher ein Teil meiner Familie stammt, ist nach wie vor eine Kolonie. Und es gibt nach wie vor systemische Unterdrückung auf der Insel, die in direkter Verbindung mit der Sklaverei steht.

Wenn du zurückschaust auf die Anfänge vom CIJ ­– was war der größte Erfolg bislang?

Ich wollte, dass Intersektionalität in einer subversiven und transformativen Art verwendet wird. Und ich glaube, dass wir das ein Stück weit geschafft haben. Wir haben einen Weg gefunden, alle mitzunehmen und trotzdem radikal zu bleiben. Ja, radikal ist auch negativ besetzt in unserer Gesellschaft, aber wir brauchen diese tiefgehende und entschiedene Herangehensweise, denn radikal zu sein heißt nichts anderes als ‚grasping things at the roots’, also Dinge an der Wurzel anzupacken, wie die amerikanische Bürgerrechtlerin Angela Davis einmal sagte.