»Wir müssen endlich personenzentriert denken!«

Autor:in: Jana Gioia Baurmann

Bild: privat

»Wir müssen endlich personenzentriert denken!«

Eine Mitarbeiterin eines Wohnheims in Potsdam soll vier Menschen mit Behinderung getötet haben. Die Ermittlungen laufen noch. Ashoka-Fellow und Aktivist Raúl Krauthausen fordert, Gewalt in der Pflege endlich zu thematisieren.

Ashoka: Die Hintergründe des Gewaltverbrechens mit vier Toten am Oberlinhaus sind weiter unklar. Du bist direkt laut geworden und forderst angesichts der Tat mehr Aufmerksamkeit für das Thema Gewalt in Behinderteneinrichtungen. Es liege ein strukturelles Problem vor, sagst du – was meinst du damit?

Raúl: In der Berichterstattung, die im Anschluss folgte, wurde fast ausschließlich mit nichtbehinderten Menschen gesprochen: mit Pflegepersonal, mit Politiker:innen, mit dem Vorstand, mit dem Pfarrer. Und dann war und ist in der Berichterstattung häufig von einer angeblichen Überlastung des Personals die Rede, also dass das alles nicht zu bewältigen sei. Behinderte Menschen kommen nicht zu Wort und vor allem werden sie als Problem dargestellt. Das ist eine ganz klassische Opfer-Umkehr. Man sagt ja auch nicht, dass Frauen anstrengend sind, wenn Femizide stattfinden. Oder dass Menschen mit Migrationshintergrund anstrengend sind, wenn eine rassistische Gewalttat verübt wurde. Wir dürfen Menschen mit Behinderung nicht paternalistisch behandeln und sie in Einrichtungen stecken, wo sie genauso das Recht und die Möglichkeit hätten – mit der richtigen Assistenz – in ihren eigenen vier Wänden versorgt zu werden.

Das heißt, dass solche Einrichtungen nicht optimal aufgestellt sind?

Behinderte Menschen können genauso gut zuhause versorgt werden, selbstbestimmt und mit angeleiteter Assistenz, oder in einem betreuen Wohnen mit maximal drei, vier Bewohner:innen leben – dann wäre der Zugriff auf diese Menschen durch eine mordende Person sehr viel geringer. Wir wissen, und das seit Jahrzehnten, dass in Einrichtungen Gewalt begünstigt wird, weil es abgeriegelte Einrichtungen sind, aus denen selten und nur wenig Informationen nach außen dringen. Interessant ist, dass ein Tag vor der Gewalttat die Aufsicht sogar die Einrichtung begutachtet hat und keine Mängel feststellen konnte – wie kann das sein? Für mich sind da noch viele Fragen offen.

Es gibt Studien, die darlegen, dass Menschen mit Behinderung deutlich häufiger von Gewalt betroffen sind als der Bevölkerungsdurchschnitt. Woran liegt das?

Weil auch keine Informationen nach innen dringen – die Bewohner:innen wissen nicht um ihre Rechte, sie werden nicht aufgeklärt. So wissen viele beispielsweise nicht, dass es eine Heimleitung gibt, an die sie sich wenden können. Ich weiß von Workshops, die mit Menschen, die in solchen Einrichtungen leben, gemacht wurden. Eine Frage zu Beginn war, ob sie Gewalt erfahren hätten? Nein, lautete die einstimmige Antwort. Während des Workshops lernten sie, was Empowerment bedeutet und was Missbrauch ist – anschließend sagten 70 Prozent, dass sie Letzteres sehr wohl erlebt hätten. Ich will das nicht allen unterstellen und man muss auch erstmal eine Unschuld vermuten, aber solche Einrichtungen begünstigen definitiv Gewalt.

Wie ließe sich das ändern?

Durch Dezentralisierung, ganz klar! Es darf nicht sein, dass die Leute auf dem gleichen Gelände leben, arbeiten, Freunde haben, zur Therapie gehen – denn diese Häufung begünstigt die Isolation. In Ländern wie Großbritannien wurden entsprechende Einrichtungen bereits dezentralisiert, weil es da in den 1980er Jahren viele Probleme gegeben hat. Durch eine Dezentralisierung müssen Menschen pendeln – und in dieser Zeit können sie sich austauschen, um Hilfe bitten, sich Externen anvertrauen. Wir müssen endlich personenzentriert denken! Wir müssen aus der Perspektive derjenigen denken, die dort leben – und nicht aus der, die dort arbeiten. Und: Auch Menschen mit Behinderung sollten Einfluss darauf haben, was mit dem Geld passiert, dass in solche Einrichtungen fließt.

2016 hast du ein Heimexperiment gewagt, »5 Tage lebenslänglich« ist die Unterzeile. Das klingt nach Gefängnis …

Die Beobachtungen, die ich dort machte, waren natürlich nicht so gravierend: Ich habe keinen Missbrauch und keine Gewalt erlebt oder gesehen. Aber es gab strukturelle Diskriminierung: Etwa, dass du als Bewohner:in einer solchen Einrichtung keinen Einfluss darauf hast, wer mit dir auf Toilette geht. Du kannst nicht entscheiden, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Ist eine Pflegekraft beispielsweise zu grob, kannst du dir keine andere aussuchen –zuhause geht das sehr wohl. Und die Assistenz kann das übrigens auch sagen. Das ist menschlich also gerecht. Ein weiteres Problem ist der dauernde Zeitmangel. Wenn ich auf Toilette wollte, hieß es manchmal: Ja, gleich, ich rauch’ noch eben zu Ende.

Was haben dir die Menschen erzählt, die dort leben?

Ein Gespräch ist mir sehr in Erinnerung geblieben: Ein Bewohner meinte zu mir, dass er gerne raus würde – aber Angst habe, mit dem Rollstuhl umzukippen. Physikalisch war das nicht möglich, aber er hat sich einfach nicht getraut. Er hat sich auch nicht getraut, jemanden zu fragen, ob der oder die ihn begleitet, denn: »Die haben ja eh keine Zeit …« Weshalb dieser junge Mann jeden Tag in der Einrichtung sitzt und RTL2 guckt. Der war körperlich behindert und geistig fit, aber er wurde nicht empowert. Am besten keine Störung erzeugen, das internalisiert man: Man hat Hunger zu haben, wenn alle anderen Hunger haben. Es gibt geregelte Essenszeiten und ich kann nicht sagen, dass ich abends um zehn Uhr Lust habe auf Spaghetti.

Träger von Behinderteneinrichtungen sind mit dem im April vom Bundestag verabschiedeten Teilhabestärkungsgesetz erstmals gesetzlich zur Gewaltprävention verpflichtet – bislang war das nur empfohlen. Damit setzt Deutschland eine Vorgabe aus der 2008 in Kraft getretenen UN-Behindertenrechtskonvention um – ziemlich spät, oder?

Was das bringt, sehen wir nun am Beispiel Potsdam. Ein Konzept zur Gewaltprävention reicht nicht. Wir müssen auch Bewohner:innen aufklären, etwa darüber, an wen man sich wenden kann, wenn Gewalt verübt wurde. Und dann muss dem auch nachgegangen werden. Ich finde es hochproblematisch, dass wir gerade in der Diversity-Bubble alle aufgeschrien haben, als es um Rassismus ging, das Thema Behinderung aber ganz gerne weggeschwiegen wird.

Auf »Die Neue Norm« hat Raúl auch folgenden Text zu den Ereignissen geschrieben.